Radio mit Gesang

Eine gute Entscheidung, in den Bergen zu bleiben

Heute früh war ich ganz überrascht. Töne, die man tagelang nicht hören konnte. 

 

In Chukung, einem Hochgebirgsdorf in 4750 Meter Höhe, direkt unter der Südwand des Lhotse, dem vierthöchsten Berg der Erde, gibt es einen ziemlich gestörten Radio-Empfang. Aber immerhin. Und heute Morgen, gab es da Musik mit Gesang. Nun muss man wissen, dass in Nepal in Krisenzeiten nicht gesungen wird. Weder daheim, noch öffentlich, noch im Radio. Und die Nepali singen wirklich gern, am liebsten überall - nicht nur unter der Dusche. 


Heute morgen gab es also Radio mit Gesang. Und danach kamen die Nachrichten. Unglaublich, solche Nachrichten.


Am Donnerstag sind wir von Dingboche, wo wir seit dem Beben eine ganze Woche verbracht haben, noch ein Stück aufgestiegen bis nach Chukung. Das ist ein richtiges Bergsteiger-Nest. Von dort aus beginnt die Tour auf den Sechstausender Island Peak, dort übernachten die Kletterer, bevor sie unter dem extrem schwierigen Nordgrat der Ama Dablam ihr Basislager einrichten. Dieses kleine Nest ist nur sechs Monate im Jahr belebt. Drei im Frühjahr und drei im Herbst. Ansonsten ist dort kein Mensch. Jetzt ist dort auch praktisch niemand mehr. 


Weit draußen in den unteren Regionen des Khumbutales haben sie an den Kontroll-Posten alle Trekking-Gäste und alle Bergsteiger gestoppt. Niemand kommt hier mehr rein. Es geht nur noch raus. Und so trifft man auf dem Weg, wo an guten Tagen oft zweihundert Menschen unterwegs sind, fast niemand mehr. Die Saison im Khumbu ist zu Ende. Die Regierung hat Bergsteigen in dieser Gegend und anderswo untersagt. Nur die, die bereits drin sind im Nationalpark, die sind halt nicht zu stoppen. Und obwohl das alles illegal ist, werden von ein paar Weniger die hohen Pässe begannen. Zumindest der Cho La, wenn es die ungewöhnlich massiven Schneeverhältnisse in diesem Frühjahr zulassen. Ansonsten ist auch dort dicht. Ein paar Wenige versuchen sich noch am Island Peak, ein paar Bergsteiger sind noch an der Ama Dablam. Und wir haben gestern der Chukung Ri Hauptgipfel bestiegen. Da gehen ohnehin nicht viele hin, weil man im Gipfelbereich ein bisschen aufpassen muss und weil der zweihundert Meter niedrigere Nebengipfel soviel leichter zu erreichen ist. Manchmal darf man sich einfach nicht um Verbote scheren und muss sich an der eigenen Befindlichkeit orientieren und an dem, was man gern tut und nicht an dem was Andere vorschreiben. 


Die Zeit des Wartens, diese sieben Tage in Dingboche seit dem Beben, haben an den Nerven gezehrt. Wir mussten einfach einmal etwas anderes sehen, hören und spüren. Man dreht durch, wenn man sich in so einer Situation, geboren aus der eigenen Entscheidung heraus, nicht bewegen darf, kann oder soll. 


Also sind wir Bergsteigen gegangen. Und das hat uns allen wirklich gut getan. (Ich werde später versuchen noch ein paar Bilder zu schicken...)


Und dann heute Morgen auf einmal im Radio, Musik. Musik mit Gesang. Das war schon bemerkenswert. Wunderbar. Wenn man weiß, wie das in Nepal funktioniert mit dem Gesang in Krisenzeiten. Nach der Musik Nachrichten. Pasang, der Lodge-Besitzer hat mir das übersetzt, was All-over-Nepal gemeldet hat. Seit heute Morgen seien sehr viele Geschäfte in Kathmandu wieder geöffnet. Man versuche ein normales Leben einzurichten. Die Stadtteile der Zwei-Millionen-Stadt, die am härtesten betroffen seien, sind nach wie vor abgeriegelt. Das Wasser fließe wieder aus den Wasserhähnen. Damit verbessere sich erheblich die Toiletten-Situation. Die Menschen kehrten wieder in ihre Häuser zurück. Die Seuchengefahr werde mir jedem Tag geringer. 


Wenn man daheim sitzt und das in den Nachrichten sieht und hört, dann mag man das als gute Nachricht registrieren. Hier, auch bei uns, hat das Glücksgefühle ausgelöst, die kaum zu beschreiben sind. Wenn das wahr ist, dann ermöglicht uns das eine einigermaßen geregelte Rückkehr nach Kathmandu. Dann können wir dorthin zurückkehren, wo wir gestartet sind, ohne Angst haben zu müssen, uns "sonstwas" einzufangen. Wir haben genug Horrorgeschichten über Ruhr, Typhus, Cholera unter andere Erkrankungen gehört.


Es sind die elementarsten Bedürfnisse nach denen man in solchen Situationen fragt. Gibt es Wasser? Das ist die Wichtigste. Und wie geht es den Menschen in Kathmandu? Wie den Freunden? Alles andere ist nicht mehr relevant. 


Inzwischen sind wir von Chukung wieder nach Dingboche hinter spaziert. Sie haben uns die alten, vertrauen Zimmer wieder gegeben. Unsere "Notunterkunft" nach dem Beben, die nie eine Notunterkunft gewesen ist. Es geht uns gut. Wir haben wohl großes Glück gehabt. Anders kann man es kaum ausdrücken, wenn man sieht, was in diesem Land passiert ist. 


Wir werden nun morgen früh mit dem Abstieg beginnen. Hinunter nach Pangboche und weiter durch die kleinen Dörfer. Ich mag nicht wirklich daran denken, was uns dort erwarten. Überall soll es, wie man hört, schlimmer sein wie hier. Aber man hört ja so vieles in diesen Tagen. Und nicht alles soll, kann oder darf man glauben. In Lukla, so hoffen wir, hat sich die Situation entspannt, bis wir am 7. Mai dorthin kommen. Lukla ist im Khumbu-Tal so etwas wie ein Pfropf. Dort staut sich alles, was vom Everest-Basecamp-Trek oder aus den Seitentälern zurück kommt. Von diesem kleinen Flughafen mit seiner Start- und Landepiste, die zu den zehn gefährlichsten der Welt - weil extrem kurz und enorm steil - gehört, fliegen allermeisten Menschen nach Kathmandu. Und in Lukla sind, wegen der schwierigen Sichtverhältnisse durch das eher bewölkte Wetter der vergangenen Tage, viele Menschen stecken geblieben. Über 2000 sollen dort zeitweise festgesessen sein. 


Ich glaube jetzt, im ersten Rückblick gesehen, dass es die beste und einzig richtige Entscheidung gewesen ist, hier oben in den Bergen auszuharren. Wir hatten immer Wasser, wir hatten jeden Tag mehr als genug zu Essen, wir hatten immer ein Dach über den Kopf. Das war und ist ein Segen gewesen. Ein großer Glücksfall. Und all dem stehen wir voller Dankbarkeit gegenüber. Denn das war beileibe nicht überall in diesem Land der Fall. 


Sie haben heute Morgen im Radio Musik mit Gesang gespielt. Ein unglaubliches Gedudel. Ein unfassbarer Sing-Sang. In unseren Ohren. Heute Morgen aber war das die Melodie des Lebens. Wunderbar. Ich hätte stundenlang zuhören können...

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