Nepals Gesichter

Ein Mann, ein See, Inder und Chinesen, Nächte im Freien und ein Swimmingpool

Ja, wir sind gestern (Freitag) wohlbehalten nach Kathmandu zurück gekehrt. In die Stadt, in der vor über drei Wochen alles begann und in der nun nichts mehr so ist, wie es war, bevor wir nach Lukla und ins Khumbu-Tal geflogen sind, bevor auch wir von diesem wuchtigen Beben und seinen mächtigen Auswirkungen, überrascht und schockiert wurden. 

Doch: Ist das wirklich so? Ist hier wirklich nichts mehr so, wie es gewesen ist? Vieles von dem, was ich in den vergangenen 24 Stunden in Nepals Hauptstadt gesehen habe, vermittelt fast den Eindruck, als habe es hier nicht ein Erdbeben, als habe es hier nie dieses Desaster gegeben. In Thamel, dem touristischen Zentrum der Millionen-Metropole haben ein paar Häuser Risse, an manchen Stellen ist eine Mauer eingestürzt. Doch das Leben dort geht seinen gewohnten Gang. Das übliche Chaos. Verwickelte Stränge aus Kabeln über den Köpfen und unten wird um jede Rupie gefeilscht. Die Straßenhändler eifern mit den Ladenbesitzern wechselseitig um die Gunst der Kunden. Kunden? Welche Kunden? 

 

Spätestens dann ist man mittendrin. 

 

Es gibt nicht mehr viele Kunden, die bereit sind, etwas zu kaufen. Die allermeisten Touristen, Bergsteiger, Wanderer, Kulturreisenden sind Hals über Kopf aus Nepal geflohen. Mit den Sondermaschinen, die ihre Länder ebenso rasch geschickt haben, wie dieses Erdbeben über das kleine Land unter den höchsten Bergen der Erde kam. Niemand wollte mehr bleiben, als die Erde wankte und vieles zum Einsturz brachte. 

 

 Verena Westreicher, gebürtige Tirolerin aus Serfaus und wirklich eine Seele von einem Menschen, betreibt in Thamel seit über zwanzig Jahren eine kleine Bar. Eine Top-Adresse unter Bergsteigern, Kletterern und Ausgeflippten. Sie lag nach einem anstrengenden Arbeitstag und einer langen Nacht noch im Bett, als an jenem Samstag vor zwei Wochen die Erde in Bewegung geriet. Es dauerte, bis sie begriff, was da überhaupt geschah. Sie kam nicht einmal aus ihrem Schlafzimmer heraus, weil sie die Tür nicht aufbrachte. Als schließlich alles vorbei war, schlief sie drei Nächte mit ihrer Familie und hunderttausenden anderer Menschen im Freien. Dann kehrte sie zurück in die Stadt. "Was hätten wir auch anderes machen sollen? Ich habe meine Bar wieder aufgemacht und versuche seitdem, ein normales Leben zu führen. Nochmal: Was hätte ich auch anderes machen sollen." Das fragt auch der Mitarbeiter im bekannten "New Orleans". Er bewirtet gerade ein paar Expeditionsbergsteiger aus Polen. Sie gehören zu den letzten Touristen, die noch vor dem Beben in Nepal ankamen. Neue kommen nicht viele hinzu. Die meisten Reisen wurden storniert. "Doch es muss irgendwie weiter gehen. Kann nicht jemand den Menschen da draußen erzählen, dass es schlimm ist was passiert ist, doch wir sind in der Lage, hier vieles auch wie gewohnt weiter zu machen". 

 

Und nun stehen die Nepali fast händeringend vor uns und fragen: "Warum berichten die Medien so einseitig? Warum gibt es nur schreckliche Bilder von dieser Kathastrophe?" Das sind Fragen mit Berechtigung. Ich habe gestern Abend spät ein wenig im TV "gezappt". Im indischen Nachrichtensender die immer gleichen Bilder, Szenen, die nun über zwei Wochen alt sind. Szenen von Plätzen, an denen die Trümmer längst weggeräumt wurden. Szenen von Menschen, die schreiend aus ihren Häusern hetzen. Zwei Wochen alt. Selbst im nepalischen Fernsehen, nur die immer gleichen Bilder aus Kathmandu und den Bergregionen. In den allermeisten europäischen und US-Sendern ist Nepal längst keine Spitzenmeldung mehr. Die Erde hat sich weiter bewegt. Nur in Nepal steht sie irgendwie noch immer auf gewisse Weise still. 

 

Tatsache ist: Es gibt viele Stadtteile in Kathmandu, viele Dörfer in den Mittelgebirgen unter dem Himalaja und viele Ortschaften droben in den Bergen, die fast unberührt geblieben sind. In denen es, wie erwähnt, aussieht, als habe es nie ein Beben gegeben. Wir sind vom Khumbu aus über das Land geflogen. Vergleichsweise tief über die Hügellandschaften. Dort sah man fast keine eingestürzten Häuser. 

 

Keine Frage, diese Katastrophe ist vielerorts in diesem Land ein Naturereignis mit wirklich fatalen Folgen für die Menschen und ihren wenigen Besitz. Es wird Jahre dauern, bis die Schäden beseitigt sind. Hilfe aus der ganzen Welt ist eingetroffen. In den Straßen Thamels sind sie in Scharen unterwegs, die Helfer von den Organisationen vieler Nationen. Sie tragen die Westen, T-Shirts und Jacken mit den riesigen Aufnähern "Rescue", "Medical-Team" oder "Live-Search" unübersehbar und plakativ vor sich her. Was die Frage aufwirft: Was machen die hier alle in der Stadt und in einem Stadtteil, in dem nichts passiert ist? Sightseeing? Shopping? Kaffeepause? Warum sind die nicht draußen bei den Menschen, die sie so nötig brauchen. Bei den Menschen in Gurkha, in Manang, in Rolwaling, in Langtang. Dort sind Menschen noch immer eingeschlossen und niemand hilft ihnen. Man liest nur die stummen Hilferufe in Facebook. 

 

Gestern Abend habe wir einen Mitarbeiter unseres Hotels getroffen, der seit über 10 Jahren im "Greenvich Village" angestellt ist. Er wohnt knapp 90 Kilometer von hier in einem Dorf in Richtung Solo Khumbu, in Richtung Jiri. Nicht weit weg von Kathmandu also und doch noch nicht weit oben in den Bergen. Der Mann hat alles verloren. In seinem Dorf, sagt er mit traurigen Augen, stehe kein einziges Haus mehr. Alles, was er für sich, seine Familie, die Kinder, seine Frau, die Schwiegereltern, seine eigenen Eltern geschaffen habe, ist weg. 5000 Menschen haben dort ihr Dach über dem Kopf verloren. Ob die Hilfe schon angekommen sei? "Nein, bei uns war niemand. Wir haben keinen Reis mehr und kein sauberes Wasser. Es ist schrecklich". Er kommt gerade von da. Eigentlich wollte er bleiben, doch er will und muss Geld verdienen. Geld verdienen mit einem skeptischen Blick in die Zukunft. Was soll denn nun werden? Er weiß, dass das Leben weiter gehen wird. Über die Hilfsorganisationen mag er nicht reden, "die finden uns ja nicht mal". 

 

Als wir, von Lukla kommend, in Kathmandu gelandet sind, habe ich dort ein Bild in mir aufgenommen, das mich überrascht hat. Da standen Seit an Seit wirklich riesige Hubschrauber des indischen und chinesischen Militärs. Sonst undenkbar, das Militär zweier zerstrittener Atommächte so dicht beieinander. Diese humanitäre Katastrophe in Nepal eint offenbar, was ansonsten so gar nicht zusammen passen mag. 

Es heißt, am Flughafen von Kathmandu lagerten tonnenweise Hilfsgüter und niemand transportiere sie ab. Ersteres belegt der Lokalaugenschein. Zweiteres ist schwer zu beweisen, denn die schweren Fluggeräte werden beladen. Und sie fliegen. Sie donnern oft im Minutentakt im Tiefflug über die Stadt. Ganz so als wollten die Piloten auf ihrem gefährlichen Flug in die entlegenen Bergregionen zeigen: Seht her, wir sind hier und wir tun etwas. 

 

Genau das werden die ganz großen Probleme Nepals in der näheren und ferneren Zukunft sein. In dem Land gibt es nicht viele Straßen. Mehr als zwei Drittel der Fläche sind schwer zugängliche Bergregionen, in denen sämtliche Waren und Güter von Menschen, Maultieren oder Yaks getragen werden. Alles. Einfach alles. Wer will da sicherstellen, dass die Dinge dort ankommen, wo sie hingehören und wo sie benötigt werden? Und dann die allgegenwärtige, widerliche Korruption in diesem Land. Ohne geht hier ja fast nichts. Und natürlich haben die Ersten schon wieder damit begonnen, aus der Not und all dem Elend ein Geschäft zu machen. Natürlich bekommt man in Kathmandu leichter ein Zelt, wenn man Beziehungen und ein bisschen Geld hat, als wenn man warten muss, bis ein Mitarbeiter von einer Hilfsorganisation daher kommt. 

 

1,2 Millionen Menschen haben die Stadt verlassen. Kathmandu wirkt mancherorts wie ausgestorben. Einige Stadtteile, in denen das Beben erhebliche bis hin zu totalen Schäden angerichtet hat, sind vom Militär nach wie vor fast hermetisch abgeriegelt. Niemand, der dort nichts "verloren" hat, soll dort hinein. Und das ist wahrscheinlich auch gut so. Wer irgendwie konnte, ist aufs Land hinaus geflohen. Der Besitzer unserer Lodge in Lukla, eigentlich kein furchtsamer Mann, hat seine gesamte Familie aus Kathmandu zu sich geholt. Er wollte sie in Sicherheit wissen und möglichst weit weg von all dem Chaos. Nun wohnen sie alle bei ihm. 18köpfig, mit Kind und Kegel. Einige hat Lakpa seit Jahren nicht gesehen. Ein ungewolltes, aber durchaus segensreiches Familientreffen. 

 

In Rolwaling hat gestern wieder die Erde gebet. Über Fünf auf der Richterskala. Es hat erneut große Schäden gegeben. Dort stehe, so heißt es, nun praktisch gar kein Haus mehr aufrecht. Bei Mingma Sherpa habe ich einen verzweifelten Aufruf gesehen. Seine Familie sei zwar am Leben, doch die meisten Dörfer in dieser zauberhaften Region seien fast vollständig zerstört. Hilfe von außen? Auch hier Fehlanzeige. Sagen die Betroffenen. Doch es geht immer noch schlimmer. Der Gletschersee Tsho Rolpa, flächenmäßig einer der größten in den gesamten nepalischen Himalajabergen, droht zu brechen. Die beiden großen Brücken, die den Fluß in fast sechzig Metern Höhe überqueren helfen, sind bereits unter Wasser und immer mehr Wasser staut sich auf. Mingma befürchtet, dass die ungeheuren Wassermengen das gesamte Rolwaling überfluten und in der Folge große Teile Nepals unter Wasser setzten könnten. Schwer zu sagen, ob das möglich wäre. Doch alle diese Befürchtungen versetzen die Menschen schon wieder in Angst und Schrecken. 

 

Während ich diese Zeilen schreibe, ist der Himmel über Kathmandu bewölkt. Es ist schwül warm. Es hat seit dem Samstag vor zwei Wochen über 150 Nachbeben gegeben. Überall im Land. Größere und kleinere. Wir sitzen im zauberhaften Garten unseres Hotels. Es gibt Kaffee soviel wir mögen. Heute Nachmittag hat uns mein treuer Freund Pd Rai zum Essen eingeladen. Dal Bad wird es geben. Das traditionelle nepalische Gericht. Auch Pd's Haus hat Risse und eine Mauer hängt windschief. Drüben findet ein Koordinationsmeeting mehrerer Hilfsorganisationen aus aller Welt statt. An vier Tischen hämmern außer mir noch andere Menschen auf ihren Tastaturen der Kleincomputer herum. Keine Ahnung, was die machen. Vielleicht auch Journalisten. Ich mag nicht mehr mit jemandem reden, der nicht Nepali ist. Zu viele Gerüchte, zuviel Halbwissen, zuviel Unsinn. 

 

Ein kleines, niedriges Geländer trennt den Tisch, an dem ich sitze von einem Swimmingpool. Ein Mitarbeiter des Hauses reinigt gerade mit einer langen Stange und einem Netz das Wasser. Doch der Pool, so groß wie zwei Volleyball-Felder und fast zwei Meter tief, ist allenfalls noch zu einem Viertel gefüllt. Als in Kathmandu die Erde bebte, als wie in ruppigen Wogen alles in Bewegung geriet, schwappte dieser Pool über. Wie ein Topf voll Wasser. Die Flutwelle spülte durch das gesamte Hotel, setzte den Speisesaal unter Wasser und spülte dann Teile der Einrichtung auf der anderen Seite des Hauses wieder hinaus.

 

Ein Swimmingpool, der über den Rand tritt. Ein See der überzugehen droht. Menschen die Weinen, weil das hier alles noch lang nicht vorbei ist. Menschen, die von ihrem Glück sprechen, überlebt zu haben. Ein Kellner, der alles verloren hat. Hilfsorganisationen, die nicht überall sein können und bisweilen dort erscheinen, wo man glaubt, dass sie gewiss nicht hingehören. Inder und Chinesen in einem unglaublichen Miteinander. Tonnen von Hilfsgütern. Millionen von Spenden. Die verzweifelten Bitten, Nepal auch an den Stellen zu zeigen, an denen es vollkommen intakt ist. Und eine Zeit, die einfach nicht stehen bleibt. Nicht für einen einzigen Moment. 

 

Nepal hat viele Gesichter. Doch das war ja schon immer so.

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