Eine Luftbrücke in das Basislager

69 Schwerverletzte vom Everest gebracht

Gerade zurück aus Pheriche. Es ist der Tag Eins nach dem verheerenden Erdbeben in Nepal. Es ist der Tag, an dem die Menschen vorsichtig beginnen, Bilanz zu ziehen. Sie zählen die Toten, helfen den Verletzten, betrachten wie entgeistert das, was bis gestern noch ihr Zuhause gewesen ist. 

Das Erfassen der Gesamtsituation ist längst noch nicht zu Ende. Und doch steht bereits jetzt fest, dass dieses Beben für immer mit der bislang größten Katastrophe am Mount Everest verbunden sein wird. 18 Tote wurden bis heute Vormittag geborgen.

Das Epizentrum des Bebens lag in der Ghurka-Region, nicht weit weg vom Manaslu. Damit war neben der Hauptstadt Kathmandu die Himalaja-Region am stärksten betroffen. Auch die Gegend am Mount Everest. Dort liegt das Basislager zum höchsten Berg der Welt. Dort warteten bis gestern rund 920 Bergsteiger, Sherpa und Helfer anderer nepalischer Ethnien auf die Chance den Mount Everest zu besteigen. Sie harrten dort in kleinen, gelben Zelten aus, die allenfalls einen schwach gefühlten Schutz boten. 

Dort im Basislager gibt es eine Katastrophe in der Katastrophe. Als um sieben Minuten vor Zwölf auch im Khumbutal so heftig die Erde bebte, dass wir sehen konnten, wie der Untergrund unter unseren Füßen sich in Wellen bewegte, löste sich an der Südostwand des Pumori eine Eislawine unvorstellbaren Ausmaßes. Augenzeugen berichten, dass die Eis- und Schneemassen mit rasender Geschwindigkeit auf die Zelte im Basislager des höchsten Berges der Erde zukamen. Es gab keine Chance zu entrinnen. Die Lawine verwüstete das Basislager in 5300 Meter Höhe. Die Zelte boten praktisch keinen Widerstand. Menschen wurden getötet, es gab viele Verletzte. Zwischen Lager I und Lager II im Western Cwm wurden Bergsteiger und Sherpa eingeschlossen, die sich im Auf- und Abstieg in der präparierten Route befanden. Sie harrten dort auch am Sonntag noch aus und niemand konnte ihnen vorerst helfen.

Am Sonntag Vormittag wurde, so wie der Nebel und die tief hängenden Wolken es zuließen, zwischen dem Everest-Basislager und Kathmandu eine Luftbrücke eingerichtet. Eines der beiden Logistik-Zentren lag in Pheriche, einem kleinen, 4240 Meter hoch gelegenen Nest am Fuß des Khumbu-Gletschers, das vor allem für seine sehr guten Unterkünfte bekannt ist. Und dafür, dass dort gute Landemöglichkeiten bestehen. Mit fünf Helikoptern wurden den ganzen Vormittag über insgesamt 47 zum Teil schwer verletzte Sherpa und westliche Bergsteiger im Basislager geborgen und nach Pheriche gebracht. Dort nahm ein eilends zusammengestelltes Ärzteteam - meist begleiteten sie selbst Expeditionsgruppen oder waren zum Trekking unterwegs - die Erstversorgung vor. Als es der Nebel dann endlich zuließ kam aus Kathmandu ein Großraum-Hubschrauber und brachte die Verletzten nach und nach in die Krankenhäuser der Hauptstadt. 

Noch im Laufe des Sonntag wurde damit begonnen, das Basislager zu evakuieren. Bereits vor Lobuche wurden die vielen Trekker auf ihrem Weg in Richtung Basislager gestoppt und zurück geschickt. Man brauchte dringend in den Lodges nun jedes Bett und jedes Lager für die Sherpa und Bergsteiger, die aus dem Basislager kommen werden. Niemand vermochte wirklich seriös zu sagen, wie diese Aktion vonstatten gehen soll und wie es tatsächlich unter dem Mount Everest aussieht. Eines jedoch steht fest: Ein Jahr nachdem bei einem Eislawinen-Unglück im Khumbu-Eisfall 16 Sherpa ums Leben gekommen sind, sorgte nun abermals eine Natur-Katastrophe für Trauer und Entsetzen unter dem Dach der Welt. 


Ein paar Sätze noch in eigener Sache: Heute morgen waren wir in Pheriche. Es liegt nur eine halbe Stunde von Dingboche entfernt. Ich wollte den Lodgebesitzer suchen, in dessen Haus ich so viele schöne Stunden verbracht habe. Ich habe ihn nicht gefunden. Wie auch, in solch einem Chaos. Wir haben die Luftbrücke der Hubschrauber beobachtet, über die die Verletzten aus dem Basislager gebracht wurden. Ich hatte dem Präsidenten der Khumbu-Bergrettung, einem Cafehaus-Besitzer aus Dingboche, Hilfe angeboten, wenn es vonnöten sein sollte. Doch da waren glücklicherweise schon so viele helfende Hände. 

Es war schwer zu ertragen und schwer anzusehen, was dieses Beben in Pheriche angerichtet hat. Kaum ein Haus, das noch bewohnbar ist. In den Trümmern gruben Menschen nach ihren verbliebenen Habseligkeiten. Wände eingestürzt, Dächer aus Wellblech zusammengeknickt wie Spielkarten, Einrichtungsgegebenstände nicht mehr an ihrem Platz, Menschen die verschreckt zwischen den Mauern umherirrten. Und über ihren Köpfen die Hubschrauber, die immer neue Verletzten brachten...

Hier in Dingboche wurde nur ein Haus beschädigt. Um sieben Minuten vor ein Uhr hat noch einmal sehr heftig die Erde gebebt. Wieder stürzten schreiend und entsetzt die Menschen aus ihren Häusern. Erneut wellte sich der Boden unter unseren Füßen, wieder wankten die Wände. Wieder passierte nicht sehr viel. Das grenzt fast an ein Wunder. Auch vor dem Hintergrund, dass anderswo, wie in Pheriche ganze Dörfer vollkommen zerstört worden sind. Es wird einem Trauerzug gleichen, wenn die Trekker aus aller Welt nun hinunter steigen werden in Richtung Namche Bazar und zum Flughafen nach Lukla. Überall werden sie in einem der ärmsten Länder und gleichzeitig einer der schönsten Gegenden unserer Erde Not und Elend begegnen. 

Wir hatten noch viel vor. Zwei bestiegenen Fünftausendern sollten zwei weitere folgen und drei hohe Pässe bis ins Gokyo-Tal und hinunter nach Thame ins Dorf jener Sherpa, die es zusammen genommen auf die meisten Everest-Besteigungen bringen. Wir haben das alles gecancelt. Aus Respekt vor den Menschen und natürlich auch, weil die Wege nicht sicher sind. Der Trail von Dingboche weiter hinunter ins Tal ist in Teilen weg gebrochen. Doch wo endet der Respekt? Wo wird der vermeintliche Respekt vor den Menschen, die man respektieren möchte, zur offenen Abwendung? Ich habe mit unserem Lodgebesitzer gesprochen. Er hat gesagt, wir sollen bleiben. Solange wir möchten. Wir sollten nicht gehen. Auch weil wir Bergsteiger, Gäste und Touristen doch ihre wichtigste Einnahmequelle seien. Woher solle das Geld kommen, um die Häuser wieder aufzubauen, wenn wir jetzt gingen. Das klingt einleuchtend und passt zu diesem so gastfreundlichen Land. Wir werden wohl noch abwarten. Bis morgen auf jeden Fall. Gut möglich das wir unseren Abstieg auch bewusst verzögern. Denn wir haben die Wahl. Wir sind frei. Andere sind das nicht. Andere müssen hinunter. Denen sollten wir nicht unbedingt im Wege sein. Das Chaos ist schon groß genug. Nach diesem verheerenden Erdbeben, das Nepal erschüttert hat.

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