Das Ding mit dem Kammerlander Hans

Es begann mit einem harmlosen Anruf - doch der hatte Folgen

Eigentlich war ich nie ein Buchautor. 

Ich wurde zum Journalisten für Tageszeitungen ausgebildet. Das war viele Jahre mein Leben. Dinge geschehen, Dinge werden veröffentlicht. Weil sie relevant sind, weil sie von Interesse sind, weil Menschen sie wissen sollten. Vormittags sind die Schreibtische und Köpfe leer. Nachmittags ist beides voll. Und dann erscheint die Zeitung. So wird das gemacht. Wenn Andere die Zeitung lesen, machen wir bereits eine neue. Mit leeren Schreibtischen und leeren Köpfen. So geht das. Tagein, Tagaus. 

 

Es ist bisweilen eine bittere Erkenntnis, dass eigentlich alles, was Journalisten von Tageszeitungen aus Buchstaben zu Worten und aus Worten zu Sätzen und aus Sätzen zu Artikeln, Reportagen, Kommentaren und Dossiers aneinanderreihen, eigentlich nur erschaffen wird, damit es postwendend den Weg in den Papiermüll findet. Das ist jedoch nur vorübergehend bitter. Gerettet hat mich dabei die Überzeugung, dass vielleicht das Eine oder Andere in den Köpfen derer bleibt, die gelesen haben, war wir Journalisten so zum Lesen vorsetzen. 

 

Journalisten sollten Plattitüden meiden. Und doch: Ich muss sagen, ich kam zum Buchschreiben wie die Jungfrau zum Kind. 

 

Weil das so ist, wurde daraus die spannendste Geschichte meines Lebens...

 

 

Fortsetzung: 

 

1998, im Januar, ich lebte damals schon seit einigen Jahren in Salzburg, erhielt ich in der Text-Werkstatt unseres Redaktionsbüros einen Anruf. Der Dialog war auf gewisse Weise entzückend. Was sich daraus entwickelte, veränderte mein Leben nachhaltig.

 

"Hallo, da ist der Hans. Der Kammerlander Hans."

"Ja grüß dich. Alles gut bei dir?"

 

Hans Kammerlander und ich kannten uns von ein paar wenigen Begegnungen auf Sportartikel-Messen und ein paar kurzen Interviews, die ich mit ihm für das deutsche "Alpin Magazin" geführt hatte. Ich wusste sicherlich mehr über ihn, als er über mich. Ich kann mich allerdings noch genau an den Tag erinnern, als ich ihn zum ersten Mal überhaupt gesehen habe. Ich weiß nicht mehr das Jahr. Der Rest ist mir unvergesslich. An einem warmen Herbsttag im September kam ich vom Klettern am Sella-Stock in Südtirol zurück zum Grödner Joch. Dort stand unser Auto. Und das altehrwürdige Hospiz. Ein recht nettes Gasthaus direkt am Pass, mit ein paar Zimmern, einer eher langweiligen Küche und immer vollen Fässern mit köstlichen Getränken. Dass reichlich Bier den Menschen in rauschartige Zustände versetzt, war damals noch nicht ganz so sehr von Belang, was vor allem auf die Gesetzeslage zurück zu führen war. 

 

Jedenfalls hatte allein der Gedanke an dieses schäumende Etwas geradezu magische Anziehungskraft. Sie ging von diesem Hospiz aus. Dort gab es einen Tresen, dann einen Durchgang und dort wiederum viele Tische und Stühle. Wer es eilig hatte, an das süffige Getränk zu kommen, mied Tische und Stühle. Man blieb gleich am Tresen sehen. Die Wirtin war damals eine resolute, durchaus ansprechende Ladinerin, die sich indes nichts gefallen lies. Zumindest nicht von jedem. Wir bestellten also Bier. Möglichst groß. Und möglichst schnell. Während wir warteten, sah ich mich in dem Schankraum um. Am einzigen Tisch dort, saßen ein paar wirklich verwegene Gesellen. Kletterer, keine Frage. Und welche von der ganz scharfen Richtung. Denn als ich die Ohren spitzte, drang die ganz große Musik zu mir, die die Namen bekannter Routen in den Dolomiten komponiert. 

 

Schließlich betrachtete ich die Gesichter näher. Aber dann. Ich fühlte mich, als hätte ich einen Stecken verschluckt. Mein Kreuz wurde plötzlich ganz steif und ich schien in Ehrfurcht zu erstarren. Dort saßen, in bester Laune und braun gebrannt vom langen Sommer und den Wänden Oswald Satin, Friedl Mutschlechner, Hans-Peter Eisendle – und Hans Kammerlander. Die anderen kannte ich nicht. Santin und Eisendle waren mir von Erzählungen ein Begriff, Mutschlechner und Kammerlander jedoch, weil sie die Expeditionspartner von Reinhold Messner waren. Da saß die Creme de la Creme der Südtiroler Alpin-Szene. Und ich stand ihnen gegenüber und trank Bier. 

 

Journalisten haben an und für sich keine Berührungsängste vor bekannten Persönlichkeiten. Für mich war das Gefühl von Berührungsängsten überhaupt ein Fremdwort. Mein Job brachte es praktisch täglich mit sich, dass ich mit Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens – Sportler, Politiker, Prominenten – umgehen musste. Doch dort am Grödner Joch erstarrte ich damals wohl zur Salzsäure. Es hätte wahrscheinlich nicht viel gefehlt und ich hätte zumindest Hans Kammerlander um ein Autogramm gebeten.

Zum Glück tat ich es nicht.

 

"Ja, alles klar bei mir. Bei dir auch?"

"Logisch. Was gibts Neues?"

Die dämlichste aller Journalisten-Fragen. Darauf bekommt man unter Garantie kein verwertbare und somit zitierfähige Antwort.

"Hast du einen gewaltigen Stress?", fragte Hans und umging zielstrebig mein Geplappere.

Ich konnte es natürlich nicht lassen. "Stress hat doch nur, wer überfordert ist", antwortet ich. Hans lachte, das nicht vorhandene Eis war gebrochen.

 

"Wenn du Zeit hast, würde ich gern was mit dir besprechen". Und er sprach sofort weiter: "Kannst du mich unter Umständen drei Monate auf eine große Expedition begleiten?"

Ich saß da in meinem Mini-Büro in Elsbethen-Glasenbach, vor den Toren Salzburgs und es hatte mir die Sprache verschlagen.

"Was soll ich?", fragte ich. Wohl um Zeit zu gewinnen, den ich hatte sehr genau verstanden. 

"Komm nach Südtirol und dann erklär ich dir alles", sagte Hans. 

 

Zwei Tage später steckten wir in Sand in Taufers im Hinterzimmer des Gasthaus Sonne die Köpfe zusammen. Hans Kammerlander eröffnete mir, dass er im Frühjahr 1998 eine große Expedition geplant habe, die er selbst als Achttausender-Trilogie bezeichnete. Er wollte zunächst in Nepal den Kangchendzönga, den zweithöchsten Berg der Erde, dann den Manaslu, einen der "kleineren" Achttausender an dem Kammerlander bester Freund, Friedl Mutschlechner sieben Jahre zuvor tödlich verunglückt war, und schließlich im pakistanischen Karakoram den K2, den Berg aller Berge besteigen.

 

Ein kühner Plan. Das hatte zuvor noch niemand versucht. Doch mir drängte sich inzwischen seit zwei Tagen zunehmend die Frage auf, was ich dabei zu suchen hätte?

 

"Immer wieder fragen mich Leute bei meinen Vorträgen, ob ich ein neues Buch dabei hätte. Und jetzt habe ich beschlossen, ein neues Buch muss her. Genug Geschichten gibt es. Ich ich möchte gern, dass du sie aufschreibst. Ich erzähl dir, und du schreibst das alles so auf, dass man es lesen kann. Wenn du Interesse hast". Ich schwieg. In meinem Kopf jagten die Gedanken. Unglaublich. Unfassbar. Ich? Wieso ich? Und ausgerechnet der Kammerlander. Für niemanden würde ich ein Buch schreiben. Vielleicht über Jemanden. Aber nicht für Jemanden. Für Kammerlander schon. Für ihn würde ich es tun. 

 

Und dann dachte ich an jenen Tag am Grödner Joch. Wie diese Typen – bärtige, verschwitzte Kerle, zu allem fähig, in der Lage, jede Wand hinauf zu steigen – damals an diesem Tisch saßen und über Routen und Steinschlag, über ihren Job als Bergführer, über Mädels und über die größten Feten aller Zeiten schwadronierten. Wie sie lachten und ihren Spaß hatten. Wie Friedl Mutschlechner ein Lied anstimmte und die schneidige Wirtin über das ganze Gesicht strahlte. Zu schade, dass wir damals einfach gingen, ohne dass ich die einmalige Chance wahrgenommen hätte, mich einfach an diesen Tisch zu sitzen und mit zu feiern. 

 

"Nein". "Ja". "Ja, natürlich". Wir mussten beide lachen. Die Sache war ja auch verwirrend. Ich sagte zu. 

 

Nur etwas mehr als drei Monate später trafen wir uns in München am Flughafen. Eine viertel Tonne Expeditionsgepäck checkten wir ein und 12 Stunden später landeten wir in Kathmandu. Hans Kammerlander hatte eine Reportage über die Trekkingroute an der Annapurna von mir gelesen. Die hatte wohl den Ausschlag gegeben, warum er ausgerechnet mich ausgesucht hatte. 

 

Ich hätte schon vor, an dieser Stelle weiterzuschreiten, sofern das jemanden interessiert...