... und hier erzähle ich Geschichten

Willkommen in meinem Blog

Eine Begegnung am Dach der Welt

Besuch im Ama-House

Diese Geschichte entstand am 24. Oktober 2016, in Thame, Nepal, 3800 Meter über dem Meeresspiegel

Ruhetag in den Bergen des Himalaja. Stille am Dach der Welt. 
Thame, 3800 Meter über dem Meeresspiegel.

Zeit für Muse. Zeit für Gedanken. Zeit zum Schreiben.

 

 

Die Geschichte handelt einmal nicht von Bergen und Besteigungen, von Pässen und Seen oder davon, dass die Berge im Himalaja sich erst vor uns aufzutürmen beginnen, wenn die Gipfel der europäischen Alpen längst ihre höchste Höhe erreicht haben. Nein, nichts voll alldem. Sie handelt von Menschen. Von bereits sehr alten und noch sehr jungen Menschen.

Ramdebi Shresth ist 99 Jahre alt. Sie hat ihre Fingernägel ein wenig lackiert, die Haare gekämmt und in ihrem Mundwinkel hat sich ein Reiskorn vom Mittagessen hartnäckig eingenistet. Ramdebi Shresth hat bessere Zeiten erlebt. Viel bessere Zeiten. Sie ging einst im nepalischen Königshaus ein und aus. Ihr Vater war der Fahrer des Vaters von König Birendra. Etwas kompliziert zu erklären vielleicht, aber eigentlich ja ganz einfach im Ergebnis. Denn: wer für das Königshaus Dienste verrichtete war einst auch und gerade in einem der zehn ärmsten Länder der Welt per se etwas Besseres. Es gab Essen im Überfluss, sauberes Wasser und ein Dach über dem Kopf. 

 

Zehn Tote im Königspalast 

Am 1. Juni 2001 geschah in der nepalischen Hauptstadt Kathmandu ein bis heute nicht wirklich geklärtes, vor allem jedoch ein für die Menschen in Nepal unfassbares Verbrechen. Am 1. Juni wurde fast die gesamte Königsfamilie durch gezielte Schüsse getötet. Die Spur des Todes zog sich durch den halben Königspalast. In dieser Nacht starben der vom Volk hoch geachtete König Birendra, Königin Aishwarya, ein Sohn des Königspaares, vier Prinzessinnen und der Gemahl einer der Königstöchter. 

Es gab damals, in den Tagen nach dem 1. Juni viele Untersuchungen. Und es gab eine der in Nepal üblichen Leichenverbrennungen in Pashupatinath. Über eine Million Menschen säumten die Straßen Kathmandus, als die Leichen der Königsfamilie offen aufgebahrt durch die Stadt getragen wurden. Bei bürgerkriegsähnlichen Auseinandersetzungen wurden vom Militär nie gezählte Menschen in den Gassen erschossen. Ich selbst kam damals gerade von einer Everest-Expedition nach über neun Wochen aus dem Basislager des höchsten Berges zurück. Nun plötzlich Augenzeuge einer unüberschaubaren Situation, über die die Nachrichtensender aus aller Welt berichteten. Es hat in Nepal jedoch eine gewisse historische Tradition, dass ganze Königsfamilien ausgelöscht worden sind. Das Ende einer Dynastie sozusagen. 

In einem abschließenden Untersuchungsbericht hieß es damals, Kronprinz Dipendra sei der Täter gewesen. Bei einem familiären Abendessen soll es zum Streit gekommen sein. Dipendra habe den Tisch verlassen und sei kurz danach, gekleidet in einem Kampfanzug und bewaffnet mit einer automatischen Waffe zurückgekehrt. Dann habe er um sich geschossen. Schließlich richtete er die Waffe gegen sich selbst. Schwer verletzt trug man in weg. Er erlag ein paar Tage später im Krankenhaus seinen massiven Verletzungen. 

 

Schließlich starb auch der jüngste Bruder Dipendras. Fünf schwerverletzte Mitglieder der Königsfamilie überlebten das Massaker. Zehn Tote, fünf Schwerverletzte und ein Land im Ausnahmezustand. Danach änderte sich in Nepal vieles. 2007 wurde die Monarchie in Nepal abgeschafft und der Übergang in eine "konstitutionelle demokratische Bundesrepublik" beschlossen. Angekommen ist Nepal dort wohl bis heute nicht. 

 

Was das alles mit Ramdebi Shresth zu tun hat? Diese Morde im Königspalast veränderten das Leben der Frau vom einen auf den anderen Moment. König Birendra hatte ihr ein Auto geschenkt. Mehr war ihr nun im späten Frühjahr 2001 nicht geblieben. Ihr Vater, der einst den Vater des Königs überall hinfuhr, war unerwartet arbeitslos, wie der gesamte Rest der Familie. Der soziale Abstieg vollzog sich rasant.

 

Ramdebi Shresth schaut versonnen zum Himmel. Sie sitzt auf der Dachterrasse eines Hauses in Kathmandus Stadtteil Kalimati. Nicht weit vom Fußballstadion entfernt, wo ab und zu Nepals Nationalelf sich die Ehre gibt. Sie blinzelt verlegen in die Sonne und wischt das Reiskorn aus dem Mundwinkel. Dann schaut sie zu Dil Shova Shresta. Und lächelt dankbar. 

 

Kathmandus berühmteste Bettlerin

Dil Shova Shresta ist 65 Jahre alt und vielleicht die berühmteste Bettlerin in Kathmandu. Sie "bettelt" um alles. Um Reis und Gemüse, um Kleidung, Matratzen und Decken. Vor allem erbettelt sie Essen. Denn sie muss 58 Frauen ernähren. Und sich selbst. Die Wände ihres Büros sind tapeziert mit Auszeichnungen, Würdigungen und Ehrungen. Vor ein paar Jahren hat sie Ramdebi Shresth auf der Straße gefunden - dem Tod viel näher als dem Leben. Die Tochter des königlichen Fahrers besaß nichts mehr. Nicht einmal ein Dach über den Kopf. Das Auto längst verkauft. Sie selbst von der Familie als nutzlos verstoßen, um das schöne Haus gebracht. So lag sie verdreckt und vollkommen verelendet am Straßenrand. Die Hunde krochen - genauso hungrig wie sie selbst - an ihr vorbei. Dil Shova Shresta brachte sie in das Haus in Kalimati. Sie brachte sie wieder zu Kräften, was einem Wunder glich. Und sie lackierte ihr irgendwann die Fingernägel. 

 

In Kathmandu leben heute fast 2,3 Millionen Menschen. 2001 waren es noch knapp eine Million. Es gibt über 100 verschiedene ethnische Gruppen, die Sherpa sind international gesehen vielleicht die berühmteste von ihnen, weil der Mount Everest sie immer wieder in den Blickpunkt bringt. 124 verschiedene Sprachen und Dialekte werden am Dach der Welt gesprochen. Nepal ist reich an sozialen Brennpunkten und arm an Hoffnung für die Zukunft. Das wichtigste Gut ist Bildung, denn, so hat man längst erkannt, ohne geht gar nichts. Dass Armut in solch einem Land gleichbedeutend ist mit Hoffnungslosigkeit, davon weiß Dil Shova Shresta viele Geschichten zu erzählen. 

 

Ein Bilderrahmen oder ein Sack voll Reis?

An der Wand hängt der "Social Development Award", die höchste Auszeichnung für Verdienste um die soziale Entwicklung Nepals. Dil Shova Shresta schaut auf den Bilderrahmen und sagt: "Ein Sack voll Reis wäre vielleicht mehr wert gewesen, als dieses Stück Papier." Reduziert auf das Wesentliche, mag man das so sehen. Blättert man aufmerksam in nepalischen Schulbüchern, stößt man unweigerlich auf den Namen Dil Shovas. Sie gilt dem Bildungsministerium als das lebende Beispiel, mit dem nepalischen Kindern heute soziales Bewusstsein und Engagement vermittelt wird. 

Zwei Stockwerke tiefer. Ein Raum, der die Bezeichnung Büro kaum verdient hat, denn da lagern neben einem alten Schreibtisch und einen sehr wackeligen Stuhl viele Decken, Matratzen und Kopfkissen. Dort hängt an der Wand, neben vielen anderen, wieder so eine Auszeichnung - "True Humanitarian Hero". Kein Zweifel, das ist sie, eine wahre, menschliche Heldin. In wenigstens zwanzig weiteren Rahmen geben sich internationale Organisationen die Ehre und übertrumpfen einander an knapp formulierten Lobeshymnen. 

 

99 Jahre und bestens gelaunt

Mit ihren 99 Jahren versteht Ramdebi Shresth das alles nicht mehr so ganz. Was sie jedoch weiß ist, dass sie sich nun endlich in Sicherheit befindet. Dass sie jeden Tag vier Mahlzeiten bekommt. Dass sie ein Bett hat, ein Zimmer, das sie zwar meist mit acht anderen, würdelos gealterten Frauen teilen muss, dass ihr jedoch ein Dach über dem Kopf bietet. Und manchmal bekommt sie etwas Abgelegtes, Schönes zum Anziehen. Oder die Frau, die soviel Gutes in einer Stadt tut, in der es gar nicht genug Gutes geben könnte, lackiert ihr die Fingernägel. So wie früher. 

 

Dil Shova Shresta ist nicht gerade in armen Verhältnissen aufgewachsen. Sie hat geheiratet und eine Tochter geboren. Was aus ihrer Ehe geworden ist, darüber spricht sie nicht. Sie lächelt milde und verdreht die Augen. Doch sie hat ein Haus behalten, dieses Haus im Kalimati. Und sie bekam von ihrer Tochter ein zweites Haus geschenkt, als sich abzeichnete, was da vor 21 Jahren werden könnte. Ein drittes Wohnhaus stellte die christliche Gemeinde Kathmandus zur Verfügung. Drei Häuser, drei Chancen die Vergessenen der Gesellschaft aufzufangen. Oder sie dort abzuholen, wo das Leben sie hin gespült hat - direkt in der Gosse der nepalischen Hauptstadt. Dil Shova hat 58 Plätze zur Verfügung. Für 58 alte Frauen. 

 

Zwischen Ama Dablam und einer Heiligen

"Ama" ist das nepalische Wort für Mutter. Bergbegeisterte wissen um die Ama Dablam, einen der formschönsten Berge der Erde. Ama Dablam bedeutet soviel wie Dekolleté oder Halskette der Mutter. Ramdebi Shresth schaut auf ihre Fingernägel. Halsketten hat sie auch wieder geschenkt bekommen. Sie ist eine Ama. Und dank Dil Shova hat sie es am Abend ihres Lebens doch noch ein bisschen gut. 

 

Die Kinder Nepals sind das Glück dieses Landes. Millionen Menschen auf der ganzen Welt haben sie mit ihrem unwiderstehlichen Lachen die Herzen geöffnet und zu Millionen an Spenden animiert. Vielleicht gibt es nirgendwo so schöne "Rotznasen" wie in Nepal. Kein anderes Motiv, außer vielleicht den Bergen des Himalaja, wird so oft abgelichtet wie die vielen, wunderbaren Kinder. Die Amas fotografiert kaum jemand. Es gibt viele Kinderheime und neue Schulen in Nepal. Die verarmten Mütter findet Dil Shova Shresta im Straßengraben. Gerade erst wieder hat sie eine Ama aufgelesen, in der Nähe des Flughafens. Einen Steinwurf weiter spielten ein paar Herren Golf. Es gibt Menschen, die nennen Dil Shova Shresta die "Mutter Teresa Nepals". Soweit hergeholt ist der Vergleich nicht einmal. Die heilige Mutter Teresa nahm sich einst der Straßenkinder Kalkuttas an. 

 

Es ist früher Nachmittag. Es ist drückend und klebrig heiß in Kathmandu. Auf der Dachterrasse des Hauses in Kalimati weht ein laues Lüftchen. 28 Amas leben in diesem Haus. Im zweiten Haus hat Dil Shova 12 Frauen aufgenommen und in dem Haus der christlichen Gemeinde weitere 18 Mütter, denen nichts geblieben ist, außer der Hilfe einer außergewöhnlichen Frau und ihrem, nicht in Worte zu packenden Engagement. All den schmückenden Bilderrahmen zum Trotz. Papier in Rahmen ist soviel geduldiger als Hunger. Dil Shovas Tochter lebt in Dallas/Texas. Es geht ihr gut. Sie schickt jeden Monat 200 Dollar. Man glaubt gar nicht, was man mit 200 Dollar in Kathmandu alles anfangen kann. Anfangen und doch nie zu Ende bringen.

 

Der tiefere Sinn

30 Kilo Reis kosten, je nach Marktlage und Preisdiktat der Regierung, etwa 1500 Rupien. Das sind umgerechnet momentan etwa 13 Euro. Ramdebi Shresth sagt, sie esse am allerliebsten Reis. Und sie sei so froh, dass Dil Shova irgendwo und irgendwie immer wieder säckeweise Reis auftreiben kann. Das Gemüse mag sie auch. Doch der Reis sichert in Nepal von jeher das Überleben. Dil Shova isst, wenn alle anderen etwas gehabt haben. Dann nimmt sie den Rest. Erst dann. Die gütige Tochter aus gutem Hause. Darin ähneln sich Ramdebi Shresth und Dil Shova Shresta – in ihrer Güte. Sie schlafen zusammen in einem klitzekleinen Zimmer. Derzeit gemeinsam mit sechs weiteren Frauen.

 

Wo diese Geschichte denn nun hinführen soll, werden sich vielleicht all Jene fragen, die bis hierhin gelesen haben. Nun, die Geschichte bekommt jetzt ihren tieferen Sinn. Wenn sie ihn nicht schon längst hat.

 

Pd Rai wurde in einem winzig kleinen Nest im unteren Solo Khumbu geboren. Der Sohn einer bitterarmen Bauernfamilie ist seit vielen, vielen Jahren als Guide in den Bergen Nepals mit bergbegeisterten Menschen aus der ganzen Welt unterwegs. Manche kommen nicht nur einmal. Kommen die Bergsteiger jedoch zum dritten oder vierten Mal, beginnen sie zu helfen. Ihr Antrieb? Immer derselbe: "Die Berge des Himalaja haben uns soviel gegeben, nun ist es Zeit, etwas davon zurück zu geben". 

 

"Sie riechen und haben keine Zähne mehr..."

Und nun, eineinhalb Jahre nach den drei verheerenden Erdbeben im April und Mai 2015, bei dem in Nepal 9000 Menschen ihr Leben verloren und 600.000 Gebäude einstürzten, hat Pd Rai, der Guide aus dem Solo Khumbu uns zum Beginn unserer Tour unter die Achttausender nach Kalimati, in dieses Haus der verlassenen Mütter geführt. Vielleicht entspricht es nicht ganz der "political correctness", wenn er sagt: "Kindern hilft Jeder gern, für die alten Frauen und Mütter interessiert sich kaum jemand; sie sind alt, sie riechen und sie haben keine Zähne mehr..." Doch woher hat Pd Rai diese Adresse? Wie kommt er in ein Haus, zu dem nicht einmal eine Straße führt?

 

Heera Rai ist 23 Jahre alt. Sie studiert am „New Summit College“ in Kathmandu. Heera ist eine junge, wissbegierige, aufgeweckte und obendrein noch unglaublich hübsche junge Frau. Sie ist die Schwester von Pd Rais Frau Mira Devi Rai. Man lebt gemeinsam in einem Haus. Im Winter nahm Heera Rai an einem Schönheitswettbewerb in Kathmandu teil. Neben zahllosen Vorausscheidungen, sah dieser Bewerb auch die aktive Teilnahme an einem Sozialprojekt in Nepal vor. Über eine Studienkommilitonin stieß Heera auf Dil Shova und ihre Ama-Häuser in der Stadt. Und als in Nepal die Trekking-Saison begann, fügte sich in diesem unglaublichen Puzzle aus Namen und Verbindungen, aus Ereignissen und milden Taten unversehens die Teile zusammen.

 

Ina Weisheit ist Bankerin. Sie weiß, das Geld durchaus auch eine soziale Relevanz hat. Nachdem Ina Weisheit das Erdbeben 2015 direkt gegenüber der Ama Dablam mit- und überlebte, als sie begann, von ihrer ersten, so verhängnisvollen Reise nach Nepal zu erzählen, bekam sie spontan und immer wieder Geld zugesteckt. So kam eine erkleckliche Summe zusammen, versehen mit dem Auftrag, das Geld doch bitte sinnvoll einzusetzen. Im Herbst 2016 reiste sie erneut zum Dach der Welt.

 

„Oh mein Gott...“

Und nun, an diesem warmen Tag in Kathmandu steigen Ina Weisheit fast unweigerlich die Tränen in die Augen, als sie die Hände von Ramdebi Shresth in den ihren hält. 99 Jahre alte, verschrumpelte Hände. Betreten schaut sie auf die feuerrot lackierten Fingernägel. Später übergibt Ina Weisheit ein Kuvert mit Geld an Dil Shova. Für europäische Verhältnisse nicht einmal so sehr viel. Doch Dil Shova sagt: "Oh mein Gott, soviel Geld habe ich noch nie bekommen". 

 

Oh mein Gott? Dil Shova konvertierte 1997 zum christlichen Glauben. 1997, dem Jahr, in dem Mutter Teresa starb. Dil Shova gab sich damals selbst ein Versprechen. Zu helfen, Gutes zu tun für die Ärmsten der Armen – wie Mutter Teresa. Viele Jahre war sie vollkommen auf sich allein gestellt. Dann kamen die Auszeichnungen und manchmal auch Menschen, die ihr ein wenig halfen. Vielleicht sagt sie ihr Verslein, dass sie noch nie soviel Geld gesehen habe, auch jedem anderen Spender, nicht nur uns. Doch in ihren Augen funkelt für einen Moment dieses Feuer, das sie antreibt. "Danke, damit werde ich Reis kaufen, sehr viel Reis". 

 

Ramdebi Shresth hat sich über den Besuch gefreut. Wir sollen doch bitte nach unserer Rückkehr aus den Bergen wiederkommen. Eine willkommene Abwechslung sei das. Früher sei soviel Leben in ihrem Leben gewesen. Jetzt sei es manchmal ein wenig eintönig. Und all die anderen in dem Haus im Kalimati, dem Stadtteil von Kathmandu, seien ja schon so alt. Ramdebi Shresth ist 99. Und sie wurde von einer Frau mit offenen Augen und offenem Herzen in einem Straßengraben gefunden...

 

Ein Ball ohne Luft

35 Kinder im Alter zwischen fünf und sechzehn Jahren leben in einem, etwas herunter gekommenen Haus in einem der Brennpunktviertel in Kathmandu. Bis heute sind dort die Trümmer der eingestürzten Häuser nach dem Erdbeben nicht beseitigt. Noch immer leben dort Menschen zwischen geborstenem Holz, zerdrücktem Mobiliar und faustbreiten Rissen im Gemäuer instabiler Gebäude. 20 Buben und 12 Mädchen haben gerade gegessen. Vormittag waren sie in der Schule gegenüber. Nun spielen die einen im Zimmer, die anderen unten in dem minikleinen Garten. Auf dem platt getrampelten Ball rollt ein Ball, der nicht mehr springen mag, weil ihm die Luft nicht bleibt. Grundvoraussetzung eigentlich für einen guten Ball. Doch für Gutes, Kindgerechtes bleibt im Haus der „United Creative Society Nepal“ fast nie Geld.

 

Alle Kinder in diesem Heim sind Vollwaisen. Sie alle eint dasselbe Schicksal. Sie verloren ihre Eltern am 25. April 2015, um die Mittagszeit, als in Nepal die Erde mit einer Magnitude von 7,8 bebte. Das Epizentrum lag nur rund 80 Kilometer nordwestlich von Kathmandu.

 

Vom Saulus zum Paulus

Bhimkumar Roka-Magar vermag nicht so ganz genau zu sagen, wie alt er ist. Er ist ein zurückhaltend wirkender Mann. Etwas über 50 Jahre wohl, vermutet er lächelnd. Wie anderen Orts in Nepal, so notierte man auch in der Gegend in der Bhimkumar groß geworden ist, selten die genauen Daten von Neugeborenen. Und so wuchs Bhimkumar in einer seltsamen Umgebung auf, ärmlich, mit Kinderarbeit und mit einem wackligen, wasserdurchlässigen Blechdach über dem Kopf. Er und seine Geschwister lernten rasch, wer Schuld hat, an ihrem Elend. Der König und seine Familie, mit dem ausschweifenden Leben und dem Diktat der Monarchie, so zumindest begriff es Bhimkumar. Als er groß genug war, um eine Waffe zu halten, schloss er sich den Maoisten an. Die führten unter der Regie der „Kommunistischen Partei Nepal“ zwischen 1996 und 2006 einen zum Teil blutigen Bürgerkrieg gegen die Monarchie und das hinduistische Kastensystem. Die Frage, ob er in diesem Krieg Menschen getötet habe, will Bhimkumar nicht beantworten. Doch er sagt, dass die Maoisten und dieser Krieg viel Unglück über das Land gebracht hätten. Als er Jahre vor dem Ende des Bürgerkrieges erkannte, wie viele unschuldige Menschen dabei ihr Leben verloren hatten, vollzog sich ein erstaunlicher Wandel. Aus Bhimkumar dem Kämpfer wurde Bhimkumar der Sozialarbeiter und Heimleiter. Er mietete ein Haus und nahm in Kathmandu Kinder auf, die durch Maoisten ihre Eltern verloren hatten. Und weil die Maoisten längst keine Eltern von Kinder mehr ermorden wohnen seit 2015 nun 35 Waisen der Erdbeben-Katastrophe bei ihm. Das Projekt Waisenhaus dauert also an.

 

Hungrig in ein Loch gesperrt

Susmita Tamang ist eine etwas ruhelos wirkende junge Frau. 29 Jahre alt und immerzu mit der Kamerafunktion ihres Smartphones beschäftigt. Sie weiß, sie braucht Bilder, um Menschen zu überzeugen. Susmita Tamang ist eine erfolgreiche Karatekämpferin gewesen. Heute ist sie sozial engagiert und immer noch in Sachen Karate unterwegs. Sie besitzt sämtliche Gürtel der asiatischen Kampfsportart und hat viele, auch internationale Titel für sich und ihre Heimatland Nepal gewonnen. Bald nach ihren 15. Geburtstag durfte sie mit der Nationalmannschaft zu einem großen Turnier nach Russland reisen. Das hat sie niemals vergessen. Denn dort verlor sie ihren Pass. Sie wurde von der Polizei aufgegriffen, konnte sich nicht ausweisen und wurde in ein gefängnisartiges Gebäude gesteckt und dort wochenlang festgehalten. Der Rest der nepalischen Delegation war längst wieder daheim und versuchte, sie auf diplomatischen Wege frei zu bekommen. Doch Susmita Tamang musste lange warten. Das Schlimmste in dieser Zeit waren die Umstände, unter denen sie inhaftiert war. Es gab schlechtes oder gar kein Essen, von den löchrigen Decken auf der elenden Holzpritsche in ihrer Zelle sprangen sie Flöhe und anderes Kleingetier an. Als sie schließlich verschreckt und traumatisiert nach Kathmandu zurückkehrte, schwor sie sich, fortan alles zu unternehmen, dass Kinder nicht in einer solchen Umgeben hausen und Hunger leiden müssen. Seitdem sammelt sie Geld für das Haus des Ex-Maoisten Bhimkumar.

 

Anfang November 2016 erhalten 35 aufgeweckte Kinder und ihr zurückhaltender Heimleiter in dem Kinderheim Besuch von einer blonden deutschen Frau. Die Frau heißt Ina Weisheit und kommt auf Vermittlung einer gewissen Heera Rai in dieses Heim. Heera hat es im Rahmen ihres Schönheitswettbewerbes natürlich nicht bei nur einem Sozialprojekt belassen. Sie hat sich auch der Kinder angenommen. Und nun, ganz unerwartet schlägt sie eine beeindruckende Brücke zwischen den alten, verlassenen Frauen im Ama-House von Dil Shova und den elternlosen Kindern im Kinderheim von Bhimkumar Roka-Magar, indem sie ihre neue Freundin Ina Weisheit an der Hand nimmt und sie nach dem Ama-House auch in das Kinderheim führt. Geld für die Kinder. Geld für Reis und Gemüse. Und wahrscheinlich auch für einen neuen Ball. Sie singen und schreien und lachen und tanzen. So wie es eben nur Kinder können. Alte Mütter sind da etwas zurückhaltender. Wenn auch nicht minder dankbar...

 

Nein, das ist nicht das Ende diese Geschichte. Es ist der Anfang. Es gibt viele Hilfsprojekte in Nepal. Große und Kleine. Vielleicht gibt es nicht ganz so viele, in dem eine deutsche Frau, nachdem sie Not und Elend in einem von vielen anderen armen Ländern der Welt gesehen hat, Geld sammelte und es nun, sozusagen direkt an der Haustür einsetzt. Keine Bürokratie, kein Verwaltungsgeflecht, keine Umwege, keine großen Worte. Einfach nur Herzlichkeit, ein paar rot lackierte Fingernägel, Kinderlachen und ein paar nette Fotos.

 

Als sich die Reise in Nepal dem Ende neigte, sahen wir Ramdebi Shresth wieder. Mit herzlicher Freude hält sie unsere Hände, die kleine, 99 Jahre alte Frau mit dem rund gewordenen Rücken...

 

Herzlich aus dem Himalaja, Walther Lücker, im Oktober 2016

 

Willkommen in meinem Blog

Nepal: Das dritte große Beben

Der Stupa in Bodnath, wenige Minuten vor dem dritten schweren Beben am 12. Mai 2015. Auffällig ist, dass keine Gebetsfahnen im Wind flattern...
Der Stupa in Bodnath, wenige Minuten vor dem dritten schweren Beben am 12. Mai 2015. Auffällig ist, dass keine Gebetsfahnen im Wind flattern...

Es ist genug. Es ist mehr als dieses Land verkraften kann. 

Die Erde hat wieder gebebt. Diesmal 7,4 auf der Richterskala. 


Wie bei den ersten beiden großen Beben sind auch diesmal die Auswirkungen schlimm. Unter Umständen schlimmer. Wir wissen noch nicht sehr viel über diese neuen Erschütterung im Himalaja-Staat Nepal. 

 

Es sind wieder viele Häuser eingestürzt. Viele davon waren schon zuvor beschädigt worden. Es ist das bislang schwerste von insgesamt über 140 Nachbeben seit den großen Erschütterungen am 25. April. Das Epi-Zentrum lag diesmal 82 Kilometer von hier in Richtung Siri im Distrikt Solo-Khumbu. 

Es ist der Tag unseres Heimfluges. Der Kalender zeigt den 12. Mai 2015. Wir waren in Bodnath als es losging. Der ganze Stupa war in Bewegung. Die goldene Spitze wankte.

 

In wenigen Sekunden waren tausende Menschen auf der Straße. Der Verkehr hielt an. Die Menschen versammelten sich auf der Mitte der Straße. Sie klammerten sich aneinander. Und über unseren Köpfen schwankten und wankten die Wände der Häuser. Eine Sherpani hielt sich an mir fest und gab mir schließlich verzweifelt ihr Kind an die Hand. Ich weiß es nicht wirklich, aber vielleicht hat sie sich einfach den größten Kerl ausgesucht, der gerade in der Nähe stand. Sie nahm wohl an, ich nähme mich ihres Kindes an, wenn sie das alles nicht überleben sollte. Mit weit aufgerissen Augen schaute sie mich fragend an. Dieser Blick wird mir bleiben. Wahrscheinlich auf ewig.

 

Die Menschen schrieen in ihrer nackten Angst. Und Steine fielen. Es wird geschätzt, dass sich an diesem Tag, um kurz vor ein Uhr ein Uhr, rund zwei Millionen Menschen panikartig auf den Straßen in Bewegung setzten, um die Stadt zu verlassen. Menschen in Angst, Menschen auf der Flucht vor den einstürzenden Häusern und der Gewalt der Natur. Nichts erscheint ihnen auf einmal mehr sicher. Alles was ihnen vor dem 25. April sicher erschien war - der feste Boden unter ihren Füßen - hatte sich nun schon wieder beängstigend bewegt. 

 

Ein Bild an diesem Tag werde ich sicher niemals vergessen. Mitten in diesem Chaos und mitten auf der Straße, zwischen all den vielen Menschen zu Fuß, auf Fahrrädern, mit den Autos und Tuck-Tucks, mit Motorrädern und Lastwagen, Taxis und Kleinbussen, standen ein paar rote Flip-Flop's. Der Besitzer war offenbar davon gerannt und hatte seine Schuhe stehen lassen. Doch wohin rennt ein Mensch in so einem Moment? Wohin in den Minuten, in denen man nach einem solchen Ereignis einfach nur weg möchte? Weg von diesem Ort. Weg von dieser Gefahr. man in den Minuten, in denen unter den Füßen die Erde derart wankt, dass einem davon übel wird. Doch ganz gleich, wohin man da auch rennen möchte, jede Richtung erscheint sinnlos. Es ist ja überall gleich. 

Wir sind in Sicherheit. Erneut. Es ist uns nichts passiert. Was ist das? Glück? Schutzengel? Man sollte weder das eine, noch das andere überstrapazieren. Doch das Leben fragt nicht, wie man es gern hätte.

 

Nach zwei Stunden Odyssee mit dem Taxi, in  einem schier heillosen Chaos auf den Straßen und für einen Weg, der normal eine viertel Stunde dauert. Auch diese Taxifahrt wird unvergessen bleiben. 

Kurz vor dem Beben dachte ich, wie traurig der Stupa von Bodnath ohne Gebetsfahnen aussieht. Dann wankte die Erde. 

 

Der Flughafen ist derzeit dicht. Eine Sicherheitsmaßnahme - sagen sie. Wir werden sehn. Um 23 Uhr geht der Flieger. Vielleicht. Hoffentlich. 

 

Es ist genug. Denn es so viel mehr als dieses Land verkraften kann...

Bodnath 2014 im Herbst, noch mit Gebetsfahnen und intaktem Kumpelaufbau
Bodnath 2014 im Herbst, noch mit Gebetsfahnen und intaktem Kumpelaufbau

Nepals Gesichter

Ein Mann, ein See, Inder und Chinesen Seit an Seit, Nächte im Freien und ein überbordender Pool

Sichtbare Schäden in Pheriche, Khumbu-Valley, Nepal
Sichtbare Schäden in Pheriche, Khumbu-Valley, Nepal

Ja, wir sind gestern (Freitag) wohlbehalten nach Kathmandu zurück gekehrt. In die Stadt, in der vor über drei Wochen alles begann und in der nun nichts mehr so ist, wie es war, bevor wir nach Lukla und ins Khumbu-Tal geflogen sind, bevor auch wir von diesem wuchtigen Beben und seinen mächtigen Auswirkungen, überrascht und schockiert wurden. 

Doch: Ist das wirklich so? Ist hier wirklich nichts mehr so, wie es gewesen ist? Vieles von dem, was ich in den vergangenen 24 Stunden in Nepals Hauptstadt gesehen habe, vermittelt fast den Eindruck, als habe es hier nicht ein Erdbeben, als habe es hier nie dieses Desaster gegeben. In Thamel, dem touristischen Zentrum der Millionen-Metropole haben ein paar Häuser Risse, an manchen Stellen ist eine Mauer eingestürzt. Doch das Leben dort geht seinen gewohnten Gang. Das übliche Chaos. Verwickelte Stränge aus Kabeln über den Köpfen und unten wird um jede Rupie gefeilscht. Die Straßenhändler eifern mit den Ladenbesitzern wechselseitig um die Gunst der Kunden. Kunden? Welche Kunden? 

 

Spätestens dann ist man mittendrin. 

 

Es gibt nicht mehr viele Kunden, die bereit sind, etwas zu kaufen. Die allermeisten Touristen, Bergsteiger, Wanderer, Kulturreisenden sind Hals über Kopf aus Nepal geflohen. Mit den Sondermaschinen, die ihre Länder ebenso rasch geschickt haben, wie dieses Erdbeben über das kleine Land unter den höchsten Bergen der Erde kam. Niemand wollte mehr bleiben, als die Erde wankte und vieles zum Einsturz brachte. 

 Verena Westreicher, gebürtige Tirolerin aus Serfaus und wirklich eine Seele von einem Menschen, betreibt in Thamel seit über zwanzig Jahren eine kleine Bar. Eine Top-Adresse unter Bergsteigern, Kletterern und Ausgeflippten. Sie lag nach einem anstrengenden Arbeitstag und einer langen Nacht noch im Bett, als an jenem Samstag vor zwei Wochen die Erde in Bewegung geriet. Es dauerte, bis sie begriff, was da überhaupt geschah. Sie kam nicht einmal aus ihrem Schlafzimmer heraus, weil sie die Tür nicht aufbrachte. Als schließlich alles vorbei war, schlief sie drei Nächte mit ihrer Familie und hunderttausenden anderer Menschen im Freien. Dann kehrte sie zurück in die Stadt. "Was hätten wir auch anderes machen sollen? Ich habe meine Bar wieder aufgemacht und versuche seitdem, ein normales Leben zu führen. Nochmal: Was hätte ich auch anderes machen sollen." Das fragt auch der Mitarbeiter im bekannten "New Orleans". Er bewirtet gerade ein paar Expeditionsbergsteiger aus Polen. Sie gehören zu den letzten Touristen, die noch vor dem Beben in Nepal ankamen. Neue kommen nicht viele hinzu. Die meisten Reisen wurden storniert. "Doch es muss irgendwie weiter gehen. Kann nicht jemand den Menschen da draußen erzählen, dass es schlimm ist was passiert ist, doch wir sind in der Lage, hier vieles auch wie gewohnt weiter zu machen". 

 

Und nun stehen die Nepali fast händeringend vor uns und fragen: "Warum berichten die Medien so einseitig? Warum gibt es nur schreckliche Bilder von dieser Kathastrophe?" Das sind Fragen mit Berechtigung. Ich habe gestern Abend spät ein wenig im TV "gezappt". Im indischen Nachrichtensender die immer gleichen Bilder, Szenen, die nun über zwei Wochen alt sind. Szenen von Plätzen, an denen die Trümmer längst weggeräumt wurden. Szenen von Menschen, die schreiend aus ihren Häusern hetzen. Zwei Wochen alt. Selbst im nepalischen Fernsehen, nur die immer gleichen Bilder aus Kathmandu und den Bergregionen. In den allermeisten europäischen und US-Sendern ist Nepal längst keine Spitzenmeldung mehr. Die Erde hat sich weiter bewegt. Nur in Nepal steht sie irgendwie noch immer auf gewisse Weise still. 

 

Tatsache ist: Es gibt viele Stadtteile in Kathmandu, viele Dörfer in den Mittelgebirgen unter dem Himalaja und viele Ortschaften droben in den Bergen, die fast unberührt geblieben sind. In denen es, wie erwähnt, aussieht, als habe es nie ein Beben gegeben. Wir sind vom Khumbu aus über das Land geflogen. Vergleichsweise tief über die Hügellandschaften. Dort sah man fast keine eingestürzten Häuser. 

 

Keine Frage, diese Katastrophe ist vielerorts in diesem Land ein Naturereignis mit wirklich fatalen Folgen für die Menschen und ihren wenigen Besitz. Es wird Jahre dauern, bis die Schäden beseitigt sind. Hilfe aus der ganzen Welt ist eingetroffen. In den Straßen Thamels sind sie in Scharen unterwegs, die Helfer von den Organisationen vieler Nationen. Sie tragen die Westen, T-Shirts und Jacken mit den riesigen Aufnähern "Rescue", "Medical-Team" oder "Live-Search" unübersehbar und plakativ vor sich her. Was die Frage aufwirft: Was machen die hier alle in der Stadt und in einem Stadtteil, in dem nichts passiert ist? Sightseeing? Shopping? Kaffeepause? Warum sind die nicht draußen bei den Menschen, die sie so nötig brauchen. Bei den Menschen in Gurkha, in Manang, in Rolwaling, in Langtang. Dort sind Menschen noch immer eingeschlossen und niemand hilft ihnen. Man liest nur die stummen Hilferufe in Facebook. 

 

Gestern Abend habe wir einen Mitarbeiter unseres Hotels getroffen, der seit über 10 Jahren im "Greenvich Village" angestellt ist. Er wohnt knapp 90 Kilometer von hier in einem Dorf in Richtung Solo Khumbu, in Richtung Jiri. Nicht weit weg von Kathmandu also und doch noch nicht weit oben in den Bergen. Der Mann hat alles verloren. In seinem Dorf, sagt er mit traurigen Augen, stehe kein einziges Haus mehr. Alles, was er für sich, seine Familie, die Kinder, seine Frau, die Schwiegereltern, seine eigenen Eltern geschaffen habe, ist weg. 5000 Menschen haben dort ihr Dach über dem Kopf verloren. Ob die Hilfe schon angekommen sei? "Nein, bei uns war niemand. Wir haben keinen Reis mehr und kein sauberes Wasser. Es ist schrecklich". Er kommt gerade von da. Eigentlich wollte er bleiben, doch er will und muss Geld verdienen. Geld verdienen mit einem skeptischen Blick in die Zukunft. Was soll denn nun werden? Er weiß, dass das Leben weiter gehen wird. Über die Hilfsorganisationen mag er nicht reden, "die finden uns ja nicht mal". 

 

Als wir, von Lukla kommend, in Kathmandu gelandet sind, habe ich dort ein Bild in mir aufgenommen, das mich überrascht hat. Da standen Seit an Seit wirklich riesige Hubschrauber des indischen und chinesischen Militärs. Sonst undenkbar, das Militär zweier zerstrittener Atommächte so dicht beieinander. Diese humanitäre Katastrophe in Nepal eint offenbar, was ansonsten so gar nicht zusammen passen mag. 

Es heißt, am Flughafen von Kathmandu lagerten tonnenweise Hilfsgüter und niemand transportiere sie ab. Ersteres belegt der Lokalaugenschein. Zweiteres ist schwer zu beweisen, denn die schweren Fluggeräte werden beladen. Und sie fliegen. Sie donnern oft im Minutentakt im Tiefflug über die Stadt. Ganz so als wollten die Piloten auf ihrem gefährlichen Flug in die entlegenen Bergregionen zeigen: Seht her, wir sind hier und wir tun etwas. 

 

Genau das werden die ganz großen Probleme Nepals in der näheren und ferneren Zukunft sein. In dem Land gibt es nicht viele Straßen. Mehr als zwei Drittel der Fläche sind schwer zugängliche Bergregionen, in denen sämtliche Waren und Güter von Menschen, Maultieren oder Yaks getragen werden. Alles. Einfach alles. Wer will da sicherstellen, dass die Dinge dort ankommen, wo sie hingehören und wo sie benötigt werden? Und dann die allgegenwärtige, widerliche Korruption in diesem Land. Ohne geht hier ja fast nichts. Und natürlich haben die Ersten schon wieder damit begonnen, aus der Not und all dem Elend ein Geschäft zu machen. Natürlich bekommt man in Kathmandu leichter ein Zelt, wenn man Beziehungen und ein bisschen Geld hat, als wenn man warten muss, bis ein Mitarbeiter von einer Hilfsorganisation daher kommt. 

 

1,2 Millionen Menschen haben die Stadt verlassen. Kathmandu wirkt mancherorts wie ausgestorben. Einige Stadtteile, in denen das Beben erhebliche bis hin zu totalen Schäden angerichtet hat, sind vom Militär nach wie vor fast hermetisch abgeriegelt. Niemand, der dort nichts "verloren" hat, soll dort hinein. Und das ist wahrscheinlich auch gut so. Wer irgendwie konnte, ist aufs Land hinaus geflohen. Der Besitzer unserer Lodge in Lukla, eigentlich kein furchtsamer Mann, hat seine gesamte Familie aus Kathmandu zu sich geholt. Er wollte sie in Sicherheit wissen und möglichst weit weg von all dem Chaos. Nun wohnen sie alle bei ihm. 18köpfig, mit Kind und Kegel. Einige hat Lakpa seit Jahren nicht gesehen. Ein ungewolltes, aber durchaus segensreiches Familientreffen. 

 

In Rolwaling hat gestern wieder die Erde gebet. Über Fünf auf der Richterskala. Es hat erneut große Schäden gegeben. Dort stehe, so heißt es, nun praktisch gar kein Haus mehr aufrecht. Bei Mingma Sherpa habe ich einen verzweifelten Aufruf gesehen. Seine Familie sei zwar am Leben, doch die meisten Dörfer in dieser zauberhaften Region seien fast vollständig zerstört. Hilfe von außen? Auch hier Fehlanzeige. Sagen die Betroffenen. Doch es geht immer noch schlimmer. Der Gletschersee Tsho Rolpa, flächenmäßig einer der größten in den gesamten nepalischen Himalajabergen, droht zu brechen. Die beiden großen Brücken, die den Fluß in fast sechzig Metern Höhe überqueren helfen, sind bereits unter Wasser und immer mehr Wasser staut sich auf. Mingma befürchtet, dass die ungeheuren Wassermengen das gesamte Rolwaling überfluten und in der Folge große Teile Nepals unter Wasser setzten könnten. Schwer zu sagen, ob das möglich wäre. Doch alle diese Befürchtungen versetzen die Menschen schon wieder in Angst und Schrecken. 

 

Während ich diese Zeilen schreibe, ist der Himmel über Kathmandu bewölkt. Es ist schwül warm. Es hat seit dem Samstag vor zwei Wochen über 150 Nachbeben gegeben. Überall im Land. Größere und kleinere. Wir sitzen im zauberhaften Garten unseres Hotels. Es gibt Kaffee soviel wir mögen. Heute Nachmittag hat uns mein treuer Freund Pd Rai zum Essen eingeladen. Dal Bad wird es geben. Das traditionelle nepalische Gericht. Auch Pd's Haus hat Risse und eine Mauer hängt windschief. Drüben findet ein Koordinationsmeeting mehrerer Hilfsorganisationen aus aller Welt statt. An vier Tischen hämmern außer mir noch andere Menschen auf ihren Tastaturen der Kleincomputer herum. Keine Ahnung, was die machen. Vielleicht auch Journalisten. Ich mag nicht mehr mit jemandem reden, der nicht Nepali ist. Zu viele Gerüchte, zuviel Halbwissen, zuviel Unsinn. 

 

Ein kleines, niedriges Geländer trennt den Tisch, an dem ich sitze von einem Swimmingpool. Ein Mitarbeiter des Hauses reinigt gerade mit einer langen Stange und einem Netz das Wasser. Doch der Pool, so groß wie zwei Volleyball-Felder und fast zwei Meter tief, ist allenfalls noch zu einem Viertel gefüllt. Als in Kathmandu die Erde bebte, als wie in ruppigen Wogen alles in Bewegung geriet, schwappte dieser Pool über. Wie ein Topf voll Wasser. Die Flutwelle spülte durch das gesamte Hotel, setzte den Speisesaal unter Wasser und spülte dann Teile der Einrichtung auf der anderen Seite des Hauses wieder hinaus.

 

Ein Swimmingpool, der über den Rand tritt. Ein See der überzugehen droht. Menschen die Weinen, weil das hier alles noch lang nicht vorbei ist. Menschen, die von ihrem Glück sprechen, überlebt zu haben. Ein Kellner, der alles verloren hat. Hilfsorganisationen, die nicht überall sein können und bisweilen dort erscheinen, wo man glaubt, dass sie gewiss nicht hingehören. Inder und Chinesen in einem unglaublichen Miteinander. Tonnen von Hilfsgütern. Millionen von Spenden. Die verzweifelten Bitten, Nepal auch an den Stellen zu zeigen, an denen es vollkommen intakt ist. Und eine Zeit, die einfach nicht stehen bleibt. Nicht für einen einzigen Moment. 

 

Nepal hat viele Gesichter. Doch das war ja schon immer so.

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Die Saison am Everest ist beendet - das Leid nicht

Auch das gibt es in diesen Tagen

Jetzt hat es in den Bergen des Himalaja geschneit. Ein verrücktes Frühjahr. So viel Schnee gut einen Monat vor Beginn des Monsuns, das ist eher ungewöhnlich. Ein bisschen hat sich das angefühlt wie Weihnachten in einem weit entfernten Land. Angesichts dieser Naturkatastrophe ist Melancholie wohl kein Wunder. Die Bandbreite menschlicher Gefühle groß. Da ist für vieles Platz. 

Ein kurzes Video aus Kathmandu zeigt uns nun auch hoch droben in den Bergen das ganze Ausmaß dieses Erdbebens. Längst sind nicht alle Leichen geborgen. Noch immer gibt es Dörfer, die von der Außenwelt abgeschnitten sind. Langsam, sehr langsam läuft die humanitäre Hilfe von außen an. Es ist schwierig, in einem der ärmsten Länder der Welt die Versorgung aufrecht zu halten oder sie gar neu zu organisieren. 

 

Und dann diese Katastrophe in der Katastrophe. Es hat von dem Moment, als das Erdbeben Nepal und die Himalajaregionen erschütterte, kaum sechzig Sekunden gedauert, bis die Lawine vom Pumori auf das Basislager herunter donnerte. Die rund 900 Bergsteiger und Sherpa unter dem Everest hatten nicht einmal Zeit, sich von dem ersten Schock zu erholen, da rollte bereits die weiße, todbringende Wand aus Eis und Schnee mit einer Geschwindigkeit von fast 300 Stundenkilometern auf sie zu. Der indische Bergsteiger Kishor Dhankude ist eher unfreiwillig zum Hauptdarsteller eines etwa zweieinhalb Minuten langen Videos geworden, das der deutsche Bergsteiger Jost Kobusch gedreht hat. Kobusch, ein 22 Jahre alte Ausnahmealpinist, der im vergangenen Jahr allein und seilfrei die Ama Dablam bestieg, war wie so viele andere Menschen im Basislager aus dem Esszelt seines Teams geflüchtet, als das Beben durch die beachtlich große Zeltstadt rollte. Mit seinem Smartphone begann er zu filmen. 

 

In Kobuschs internationaler Expeditionsgruppe waren an diesem Vormittag gegen 10.30 drei Inder und ein Japaner aus dem Hochlager II unter der Lhotse-Flanke zurück gekehrt. Noch während Kobusch begann zu filmen, hörte unter seinen Füßen die Erde auf zu beben. Und dann kam die Lawine. Es dauerte nur Bruchteile von Sekunden bis die Bergsteiger begriffen, was da auf sie zu donnerte. Zwischen den 6745 Meter hohen Lingtren und 7165 Meter hohen Pumori waren durch das Erdbeben in fast der vollen Breite ungeheure Schnee- und Eismassen gebrochen. Sie rasten nun die Flanken hinunter - alles mit sich reißend, was ihnen in den Weg kam. Selbst im fast sechs Kilometer entfernten Gorak Shep lag, als sich die Nebel lichteten, fast zehn Zentimeter hoch der Eisstaub über der kleinen Siedlung. Mit eiserner Faust fuhr die Lawine durch das Basislager. Auf dem Video sieht man, wie Kishor Dhankude wie ein Jogger davon rannte. 

 

"Ich bin kein ängstlicher Mensch, aber es war mir sofort klar, dass ich in dieser Situation um mein Leben rannte", versuchte Kishor Dhankude, drei Tage danach immer noch sichtlich beeindruckt, mir die Situation zu erklären. Dhankude ist ein besonnener Mann: "Als das Beben kam, lief ich aus unserem großen Gemeinschaftszelt hinaus und auf den nächsten Moränenhügel hinauf. Ich dachte, dort sei ich einigermaßen sicher." Dann kam die Lawine. "Ich rannte und rannte, stolperte und wusste genau, diesem Monster konnte ich nicht entkommen. Niemand würde entkommen, dachte ich". 

 

Unmittelbar bevor ihn die wuchtige Druckwelle erfasste, sprang Dhankude hinter einen großen Stein. "Ich weiß noch, dass ich meine Kappe zurecht rückte, keine Ahnung warum. Bevor die Lawine kam, umklammerte ich den Felsen wie ein hilfloses Kind." Dann fegten zuerst die Druckwelle und kurz darauf die Schnee- und Eismassen über ihn hinweg. "Als das Donnern und Grollen vorbei war, war es einen Moment lang, ganz, ganz still. Und dann hörte ich die ersten Schreie der Verletzten", sagt Kishor Dhankude und fährt sich mit den Fingerspitzen vorsichtig über die Stirn. So als würde er nachdenken, ob er das alles wirklich erlebt hat. Vier Bergsteiger und 16 Sherpa verloren ihr Leben. Fast 50, zum Teil schwer verletzte Bergsteiger wurden mit einer Luftbrücke zunächst hinunter nach Pheriche und dann nach Kathmandu in die ohnehin schon restlos überfüllten Krankenhäuser gebracht. 

 

"Wir waren an diesem Tag von einer Akklimatisierung zurück gekommen und saßen gegen halb elf beim Frühstück. Alles für unsere Everest-Besteigung schien planmäßig zu verlaufen", sagt Dhankude. Die Bergsteiger müssen sich, bevor sie versuchen den Gipfel des höchsten Berges zu besteigen, in mehreren Phasen an die Höhe anpassen. Die drei Inder, der Japaner und Jost Kobusch waren dazu zwei Tage zuvor ins Lager I oberhalb des berüchtigten Khumbu-Eisbruchs aufgestiegen, hatten dort übernachtet, waren am Tag darauf ins Lager II am Ende des Western Cwm weiter gegangen. Dort verbrachten sie drei Stunden, stiegen zurück ins Lager I, übernachteten dort abermals, bevor sie schließlich wieder ins Basislager abstiegen. Für Jost Kobusch war dieser Anstieg von besonderem Interesse, denn so gewann er erstmals Einblick in die Lhotse-Flanke. Anders als die drei Inder und der Japaner, wollte er in etwa zwei Wochen eine Solo-Besteigung des 8516 Meter hohen Lhotse versuchen, der direkt neben dem Everest eine breite, schwarze Mauer aufbaut. Bis zum Lager III in der Flanke verlaufen die beiden Routen zum Everest und zum Lhotse gemeinsam. 

 

Die gebackenen Eier und die Omeletts, die ihr Koch zubereitet hatte, lagen noch zum Teil auf den Tellern, als ein Beben der Stärke 7.9 diese Lawine auslöste und in der Folge der Ereignisse die Expedition beendete. Geschockt und schließlich erleichtert, diesem Chaos entfliehen zu können, hatte die drei Inder und der Japaner das Basislager am nächsten Tag verlassen und waren, nur mit dem Nötigsten ausgestattet, nach Dingboche abgestiegen. Dort quartierten sie sich in einer Lodge ein, um die Zeit zu überbrücken und abzuwarten, bis eine Entscheidung getroffen würde, wie es am Everest und am Lhotse weiter gehen sollte, wenn es denn überhaupt weiterginge. Auch ein Teil der Bergsteiger einer Expeditionsgruppe des Schweizer Veranstalters Kari Kobler, kam am Dienstag nach Dingboche. 

 

Die Inder und der Japaner erfuhren es von ihrem leitenden Sherpa Mingma Tenzing. Kari Koblers Kletterer entnahmen es offenbar einer SMS. Ihr Expeditionsleiter hatte alle Teilnehmer gebeten, keine Auskünfte an die Medien zu geben, wohl auch, um zusätzliche Verwirrung zu vermeiden. Im Basislager hatten die sogenannten "großen" Veranstalter im Rahmen eines Meetings beschlossen, alle Aktivitäten am Mount Everest  für den Rest dieser Frühjahrs einzustellen. Im Klartext: Saison am höchsten Berg beendet. Wie im Vorjahr, als eine Eislawine im Khumbu-Eisbruch 16 Sherpa in den Tod riss. Fast zur gleichen Zeit am Dienstag rang auch die chinesische Regierung um eine Entscheidung für die tibetische Nordseite des Berges. Sehr gut möglich, dass der Gipfel in diesem Frühjahr überhaupt nicht bestiegen wird. 

 

Kishor Dhankude ist 42 Jahre alt. Ein freundlicher Mann mit einem gewinnenden Lächeln und wachen Augen. Am 25. April 2014 hat er den Mount Everest von Tibet her über die klassische Nordroute bestiegen. Dass er dabei Flaschensauerstoff benutzt hat und über eine mit Seilen und Leitern präparierte Route hinauf gekommen ist, stört ihn weniger. "Anders hätte ich da wirklich überhaupt keine Chance gehabt". Daheim im indischen Pune baut er Häuser und verkauft sie dann. Er hat es so zu einem für den indischen Subkontinent durchaus beachtlichen Wohlstand gebracht. Seine Frau und die beiden Kinder bedeuten ihm alles. Und wäre da nicht diese schwer stillbare Lust auf Abenteuer, könnte man ihn für einen ganz "normalen" Menschen halten. In die Everest-Expedition, die nun beendet wurde bevor sie überhaupt begann, hat er fast 45.000 US-Dollar investiert. Das Geld ist futsch. 

 

In den vergangenen Jahren hat sich Dhankude immer wieder an hohen Bergen im indischen Teil des Himalaja versucht. Mount Deotibba (6001 m), Mount Satopanth (7075 m), Mount Kamet (7756 m), Mount Abi Gamin (7535 m) - überall war er entweder schon recht weit oder fast oben, als einmal das Wetter und dreimal die Bergung anderer Bergsteiger ihn zur Umkehr veranlassten. Offenbar ist Kishor Dhankude ein recht feinfühliger Vertreter dieser zum Teil recht rohen Zunft der Höhenbergsteiger, in der schon einmal Sätze fallen wie "für Moral ist in diesen Höhen kein Raum". Schließlich und weil Dhankude die Höhe offenbar gut verträgt, beschäftigte er sich intensiv mit dem Mount Everest. Er bestieg ihn im vergangenen Frühjahr. Doch warum nur kam er zwölf Monate später dorthin zurück? 

 

Kishor Dhankude befindet sich in einer außergewöhnlichen Situation. Fast immer sind es das indische Militär oder die staatliche indische Polizei, die Expeditionsgruppen auf den Weg bringen. Und die bekommen, der politischen Logik entsprechend, keine Einreise in das von China besetzte Tibet. Und so ist Dhankude einer der ganz wenigen Inder, die den Everest von Norden aus bestiegen haben. "Als ich zurück kam, haben mich ganz viele Menschen bedrängt, es doch auch von Süden her zu versuchen". Gelänge dies, sei er der einzige Inder, der den Everest von beiden Seiten her besteigen habe, argumentierte sogar die Regierung. Nationalstolz bedeutet viel in Indien Und so machte sich Kishor Dhankude abermals auf, den höchsten Berg, nun über die klassische Route der Erstbesteiger von Nepal aus zu versuchen. Alles sah so gut aus. 

 

Im Vorjahr hatte er für die Nordroute nur sagenhaft anmutende neun Tage benötigt. Vom Basislager auf den Gipfel und zurück. Inklusive Rückkehr mit dem Flugzeug nach Kathmandu. Das gelang nur, weil Dhankude vollständig akklimatisiert zum Berg kam. Diese Voraussetzungen hatte er sich auch diesmal geschaffen. Und von allen Bergsteigern im Süd-Basislager des Everest hatte er sicher auch diesmal mit die besten Aussichten, den Gipfel zu erreichen. "Doch dann kamen das Beben und die Lawine". Wieder fahren seine feingliedrigen Finger über die Stirn. 

 

Im Everest-Basislager hat der große Auszug begonnen. Immer mehr Bergsteiger kommen von dort herunter in die Dörfer, in denen die Menschen noch immer von den Auswirkungen des verheerenden Bebens schockiert und betroffen sind. Kishor Dhankude hat heute morgen seinen monströsen Rucksack gepackt und ist in Richtung Namche Bazar auf und davon. Es ist Mittwoch und Tag Vier nach dem Beben. Dhankude will nach Hause: "Ich werde Urlaub mit der Familie machen". Doch auch er weiß nicht, was ihn auf dem Weg nach unten und in Kathmandu erwartet. Man sagt, die Zustände seien nach wie vor absolut chaotisch. 

 

Zum Everest mag der freundliche Mann aus Indien nicht mehr zurückkehren. Offenbar ist er ein guter Bergsteiger und mit 42 in den besten Jahren. Alle 14 Achttausender wären vielleicht möglich, sind aber auch keine Option, denn als Inder bekommt er keine Einreise nach Pakistan. "Mal schauen, was wird", hat er gesagt, als er ging und sich dann nochmal umgedreht: "Vielleicht komm ich im Sommer nach Europa. Wie heißt das da bei dir? Dolomiten? Ich hab Fotos gesehen, schöne, grandiose Berge. Deine Adresse hab ich ja..."

 

Dann war Kishor verschwunden. Die Sonne kam wieder heraus und leckte über den frischen Schnee. Es ist warm vor unserer Lodge. Es ist, als sei gar nichts geschehen. Doch dann kommen die Gedanken zurück. An Kathmandu, an die zerstörten Dörfer, an die vielen Toten, an die 18 Leichen im Basislager, an den Freund, der in Langtang diesem verdammten Beben zum Opfer fiel. 

 

Stefan Stender, ein Ski-Spezl aus Deutschland, hat mir geschrieben. Seine Frau habe für den Herbst eine Nepal-Reise geplant. Alles bereits organisiert. Jetzt überlege sie, ob sie die Tour machen soll, angesichts der Bilder, die sie momentan zu sehen bekommt. Nun, es wird dauern, bis Nepal, bis Kathmandu, bis die Dörfer in den Bergen wieder aufgebaut sind. Viel hängt von der Hilfe ab, die nun hoffentlich von außen kommt. Die Menschen brauchen unsere Unterstützung. Unbedingt. Und der wohl größte Fehler wäre, nun nicht mehr nach Nepal zu kommen. Denn der Tourismus, die Trekking-Touren, die Besteigungen der hohen Berge, die damit verbundenen Infrastrukturen, sind eine der wichtigsten Einnahmequellen dieses armen Landes. Stefan, ich kann deine Frau nur ermuntern, dieses nach wie vor so zauberhafte Land zu bereisen und diesen wunderbaren Menschen zu begegnen, die selbst inmitten dieses unvorstellbaren Desasters ihr gütiges und freundliches Lächeln nicht verloren haben. Namaste sagt man in Kathmandu, mit Tashi Delek grüßt man im Land der Sherpa, Daniabad heißt Danke und Resampiriri ist ein nettes Volkslied, das jedes Kind mit jedem Gast in diesem Land sofort singen kann... Die Menschen werden die Trümmer zur Seite räumen und die Toten bestatten. Und die Zeit wird hoffentlich diese tiefen Wunden heilen und alle Tränen trocknen

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Das ist der große Unterschied

Was kostet eine Everest-Expedition?

Es hat geregnet in der Nacht. Jetzt auch in den Bergregionen des Himalaja. Es ist der vierte Tag nach diesem Desaster. Nach diesem verheerenden Erdbeben in Nepal. Vielleicht gehört es ja dazu, dass der Himmel seine Schleusen öffnet. Wir haben Bilder gesehen. Ein paar Minuten im Internet. Oder Downloads anderer Bergsteiger, denen wir begegnen. Wir haben hier kein Radio, kein Fernsehen, keine Zeitungen. Es gibt hier nur das, was mündlich berichtet wird, was man mühselig an Nachrichten, Meldungen, Vermutungen und vor allem Spekulationen zusammentragen kann. 


 Die Bilder, die wir gesehen haben, sind schlimm. Es sind die Bilder, die die westliche Welt mit den modernen Kommunikationsmöglichkeiten längst kennt. Irgendjemand hat erzählt, dass N24 fast 30 Stunden non stop berichtet haben soll. Soll, wohl gemerkt. Die Bilder indessen haben schockiert. Sie zeigten Menschen, auch und vor allem in Nepals Hauptstadt Kathmandu, die sich nicht mehr in ihre Häuser trauen und zu Tausenden auf der Straße schlafen. In Monjo, dort ist Pemba Sherpa daheim, der in meinem Buch über den Mount Everest eine wichtige Rolle hat, haben sich die knapp hundert Einwohner auf einem Heliport versammelt, um dort zu übernachten. Zwei Dokumente nur, doch offenkundig Anzeichen nackter Angst. Pemba hat das erzählt, denn er baut in Dingboche gerade eine neue Lodge. Er ist also hier, bei uns. 

 

Das Internet ist, wenn es denn einmal für ein paar Minuten wirklich funktioniert und nicht mit kleinen, sich drehenden Buttons, nur so tut als ob, die einzige Verbindung nach "draußen". Wir sind nach wie vor in Dingboche. Dort hat normalerweise fast jedes Haus eine WLAN-Verbindung. Der Umsetzter steht im Basislager der Ama Dablam. Doch ist bei dem Beben die Batterie zerstört worden. "Kein Netz" oder "Netzwerkfehler" steht nun auf den Displays der Smartphones und Tabletts. Einen Satellitenanschluss gibt es in Dingboche. Nur einen Steinwurf von uns entfernt. Doch ich mag da eigentlich gar nicht mehr hin gehen. Denn meist ist es dort, in einem rudimentären Raum mit wackligen Plastiktischen restlos überfüllt. Und die Preise sind ins Uferlose geschossen. Eine halbe Stunde nach dem Beben kostete eine Stunde noch 200 Rupien, das sind bei dem extrem schlechten Wechselkurs in diesem Jahr, etwas mehr als zwei Euro. Inzwischen kostete die halbe Stunde tausend Rupien. Amerikanern haben sie 1,50 Dollar für die Minute abgeknöpft. Und wenn man dann zähneknirschend gezahlt hat, dann bleiben von der halben Stunde kaum ein paar Minuten, in denen es wirklich halbwegs funktioniert. Gestern hat es zwanzig Minuten gedauert, bis eine Mini-Mail draußen in der Welt war. 

 

Es gehört zum journalistischen Alltag auch über Katastrophen und katastrophale Ereignisse zu berichten. Das ist nicht angenehm und oft sehr berührend, es ist allerdings unsere Aufgabe. Doch ist es ein ganz erheblicher Unterschied, ob man zu einem Ereignis hinkommt, wenn es bereits passiert ist, oder ob man dort ist, wenn es gerade geschieht, wenn man sozusagen Teil des Ganzen ist. Das macht einen ganz erheblichen, qualitativen Unterschied aus, denn es verringert deutlich die Distanz. Als Teil des Ganzen fehlt es an jenem Abstand, der journalistische Arbeit auf möglichst objektive Weise erst ermöglicht. In dieser Situation, so wie sie sich jetzt darstellt, fühlt sich vielleicht auch der abgezockteste Journalist betroffen. Und Betroffenheit vernebelt den Blick. 

 

Nein, ich schäme mich meiner Tränen nicht, als ich die eingestürzten Häuser in Pheriche und vor allem die vielen, zum Teil sehr schwer verletzten Bergsteiger aus dem Basislager des Mount Everest gesehen habe, als man sie mit primitivsten Mitteln, auf Holzbrettern liegend und auf Plastikstühlen zusammen gekauert zu den Hubschraubern schleppte. Es hat einige Anfragen gegeben, dies alles für Zeitungen und das Radio zu berichten. Ich habe es nicht getan. Nicht, dass ich mich wegen dieser Entscheidung als schlechterer, weniger professioneller Journalist fühlen würde. Doch wie soll man mit Tränen in den Augen und betroffen von all dem, so schreiben, dass die eigenen Emotionen den Leser und Zuhörer nicht verwirren? Es gibt journalistische Formen (wie diese hier teilweise gewählte), die sind geeignet, solche Situationen zu beschreiben. Doch dafür interessiert sich in diesen Stunden wohl eher kaum eine Redaktionsstube...

 

Es hat aufgehört zu regnen. Der Himmel ist blau. Himalaja-blau. Das ist ein so besonderes Blau, vielleicht fast so schön, wie daheim in Südtirol. Die Ama Dablam steht genau gegenüber unserer Lodge. Zum Greifen nah. Unvorstellbar schön. Ama bedeutet in der Sprache der Sherpa Mutter, Ama Dablam ist die Kette der Mutter. Treffender geht eine Beschreibung kaum. Diese Internet-Bude ist eine Umschlagbörse für Informationen aller Art geworden. Gestern hat dort ein Spanier berichtet, er habe gehört, ein Sturm würde sich, vom indischen Subkontinent her, dem Himalaja nähern und sich dort dann austoben. Was soll man davon halten? Wie soll man damit umgehen? Wieder Angst haben? Wieder überlegen, ob Flucht nicht vielleicht doch die bessere Option ist? Gestern haben sie die ersten vier Toten aus dem Basislager nach Pheriche gebracht. Oben liegen weitere 14 Leichen. Das sind die Sherpa, die ums Leben gekommen sind.

 

Am Nachmittag kamen dann drei Sherpa einer internationalen Expedition aus dem Basislager hier an. Unter ihnen auch Mingma und Nima. Erfahrene Climbing-Sherpa, die alle schon mehrfach mit ihren Klienten auf dem Gipfel des Everest standen. Mit ihnen drei Inder, einen kenne ich von Fotos, und ein Japaner. Alle auf der Jagd nach den Seven Summits, den sieben höchsten Gipfeln aller Kontinente. Der Everest ist sicher der schwerste Brocken in dieser inzwischen so begehrten Sammlung, die als Erster der US-amerikanische Öl-Milliardär Dick Bass vervollständigte. Der Mount Everest und diese monströse Lawine, die 18 Bergsteigern das Leben nahm - natürlich ist das, vielleicht gerade weil es so weit weg ist von Kathmandu, soweit entfernt von all dem anderen Elend, zu Füßen des Everest das beherrschende Thema. Vielleicht ist das ja auch eine Art der Verarbeitung solcher Ereignisse, ich habe jedenfalls noch nie zuvor Menschen im Angesicht von soviel Elend soviel lachen, kreischen und die eigenen Heldengeschichten hinausposaunen hören, wie diese vier Männer es getan haben. Gut möglich, dass sie angesichts der eigenen Angst einfach nicht anders konnten. Die drei Sherpa saßen meist still da, servierten Essen und sprachen ganz leise. Es dauerte lange, bis sie ein paar wenige Sätze über diese Lawine verloren. Sie habe verheerende Wirkung gehabt und heftig genau die Stelle getroffen, an der sich der Khumbu-Gletscher mit seinen strahlend weißen Eismasse nach rechts, in Richtung Khumbu-Eisfall wendet. Ein begehrter Platz bei den Expeditionsleitern, denn diese Fläche ist relativ eben und liegt strategisch recht gut. Genau dorthin schossen die Eismassen, die sich hoch oben am Pumori in der Folge des starken Erdbebens als Serac gelöst und sich auf dem Weg nach unten zu einen todbringenden Pulver atomisiert hatte. Diese Eislawine schob eine mächtige Druckwelle vor sich her, die die Bergsteiger zuerst traf. Dann kam das Eis. Danach war es still. 

 

Zu diesem Zeitpunkt befanden sich rund 350 Bergsteiger in den Lagern I und II oberhalb des Khumbu-Eisbruchs. Das war ihr Glück. Auch das Glück für die Mitglieder einer nepalischen Gorkha-Expedition. Die Gorkha sind als Krieger, als Soldaten berühmt geworden. Zweihundert Jahre wird ihre Vereinigung in diesem Jahr alt. Deshalb diese Expedition. Ein Beleg für Stolz und Mut sollte sie sein. Jetzt hat das alles keinerlei Bedeutung mehr für die Männer, deren bekannteste Waffe einst das Khukuri, ein gebogenes, wuchtiges Messer war, wie es heute viele Touristen als Andenken mitnehmen. Das Land der Ghorka, diese herrliche Region mit seinen schwer zugänglichen Mittelgebirgen, ist die am stärksten von dem Erdbeben betroffene Region in Nepal. Südlich vom Achttausender Manaslu gelegen. Wer denkt jetzt noch an eine Expedition zum Mount Everest, zum höchsten Berg der Erde? 

 

Doch der Mensch wäre nicht der Mensch, gäbe es in seinem Denken nicht so viele verschiedene Blickwinkel. Und der Everest ist eben nochmal ganz speziell. Viele Zelte im Basislager seien unbrauchbar, berichteten gestern Mingma und Nima, die beiden Sherpa. Die Daunen-Jacken und die Schlafsäcke, Ausrüstungsgegenstände und Teile moderner Abenteuerlust seien hunderte Meter von der Lawine vertragen oder verschüttet worden. Ihre vier Klienten, jene drei Inder und der Japaner, sagten frohen Mutes, dass sie fest darauf hofften, ihre Bestrebungen fortsetzen zu können, Mitte Mai eine Höhe von 8848 Meter und damit den Gipfel zu erreichen. Sie seien nur aus einem Grund nach Dingboche gekommen - "killing the Time". 

 

Die Zeit totschlagen? Ja, bis im Basislager eine Entscheidung getroffen sei, ob es denn weitergehe. Doch wer entscheidet das? Die Bergsteiger im Basislager stehen vor fast der gleichen Situation wie im vergangenen Jahr, als bei einem Eisschlag im Khumbu-Eisfall 16 Sherpa ums Leben kamen, während sie damit beschäftigt waren, die Route für hunderte, wartende Berg-Touristen mit Fixseilen, Eisschrauben und Leitern vorzubereiten. Nun hat es wieder vor allem die Sherpa getroffen. Zum Zeitpunkt der ursächlich zusammenhängenden Ereignisse eines Erdbebens und einer dadurch ausgelösten Lawine, befanden sich rund 920 Bergsteiger, Sherpa und Helfer anderer nepalischer Ethnien im Basislager und in den Flanken des Berges. Nicht Wenige sagen, dass alles hätte noch viel schlimmer ausgehen können. Genau Jene aber, die das sagen, stehen jetzt vor der Frage: Und nun? Kann man angesichts von 18 aufgebahrten Leichen noch weiter am Everest klettern? Ist es nicht allein die Frage des Respektes, die darüber entscheidet? Im Vorjahr verschanzten sich die Sherpa hinter den schlechten Bedingungen, unter denen sie arbeiten müssen. Schlechter Versicherungsschutz vor allem, aber auch Geringschätzung ihrer gefährlichen Arbeit. 

 

Die Bedingungen wurden teilweise verbessert und die Weltöffentlichkeit hat wohl verstanden, um was es den Sherpa geht. Was oder Wer also wird in diesem abermals verheerenden Frühjahr die Entscheidungen über den Fortgang am Mount Everest begünstigen oder fällen. Der kleine Japaner krähte lauthals, man warte nun auf eine Entscheidung der nepalischen Regierung. Aha. Er weiß das von Mingma, seinem leitenden Sherpa. Und der weiß es, weil es wohl nur so sein kann. Im Basislager arbeiten über 400 Männer vom Volk der Sherpa. Diese mit einer mehrheitlichen, demokratisch herbei geführten Entscheidung unter einen Hut zu bringen, ist schier unmöglich. Das hat schon das Vorjahr gezeigt. Das viele Geld, das bei den Expeditionen umgesetzt wird, wird wohl maßgeblichen Anteil an den Entscheidungen haben - eine Besteigung kostet je nach Ausstattung, Komfort und Sicherheitsmaßnahmen zwischen 30.000 und 85.000 US-Dollar. Vor diesem Hintergrund mag man dem Gedanken leicht folgen, dass da Moral, Respekt und vielleicht sogar Anstand keinen Platz mehr haben. Die nächsten Tage werden zeigen, was aus den drei Indern, dem Japaner, Mingma, Nima und all den hunderten Bergsteigern wird, die am Fuß von "Chomolungma" der "Muttergöttin der Erde" ausharren. Außerirdisch ist man versucht zu sagen...

 

Strahlender Sonnenschein inzwischen. Der Berge stehen wie unverrückbar vor uns. Die Ama Dablam, der Island Peak, der Lhotse mit seiner tiefschwarzen Südwand. Drüben liegt ein riesiger Haufen Steine. Wenn man es nicht besser wüsste , müsste man glauben, ein Haus sei eingestürzt. Doch ein gutes Dutzend Arbeiter bauen dort seit Monaten an einem neuen Haus. Jeder Stein wird einzeln mit der Hand, mit Hammer und Meißel behauen. Je exakter dies geschieht, umso standfester ist das Haus. Es gibt fast keinen Zement. Den Halt in den Ritzen, die zwangsläufig beim Bau vorhanden sind, geben kleine, dazwischen geschobene Felssplitter. Keile sozusagen. Auf das es nicht wackle und wanke. Da baut Einer ein Haus - im strahlenden Sonnenschein und inmitten von all diesem Chaos. Nein, die Zeit wartet nicht. Dieses Erdbeben war verheerend. Als Ereignis und in seiner Auswirkung. Und doch, das wird vor allem klar, wenn man Ama Dablam, Lhotse oder Island Peak betrachtet, war das allenfalls ein kleiner Rülpser unserer Erdgeschichte.

 

Heute Nachmittag will der Präsident der oberen Regionen im Khumbu-Nationalpark sich an die nepalische Regierung und an die Medien wenden. Es seien, so berichtet er, schon bald hinter dem Flughafen in Lukla, hunderte von Trekkinggästen von verschreckten Wanderern, die von oben kamen, zur Umkehr bewogen worden. Es stünde im oberen Khumbu kein einziges Haus mehr, habe man erzählt, man könne da nicht sicheren Fußes hingehen, geschweige denn halbwegs komfortabel übernachten. Das aber stimme doch gar nicht, wundert sich der gute Mann, der in Dingboche eine Bäckerei mit wirklich köstlichem Kuchen betreibt. Recht hat er. Es ist viel zerstört worden, doch beileibe nicht alles. Es ist Hochsaison und das Wetter wird wohl offenbar jetzt immer stabiler. Gerüchte, Falschmeldungen, Vermutungen. Das Gift des Journalisten. Vielleicht wäre es besser, einfach nur die Klappe zu halten und das zu berichten, was zu sehen ist und was man vor allem selbst gesehen hat?! Doch es ist offenbar viel spannender, Augen, Mund und Ohren aufzusperren, wenn einer daher kommt und sagt, in Lukla säßen fast 2000 Bergsteiger und Wanderer fest, sie würden auf den Straße schlafen und am Flughafen in Zelten, damit sie am nächsten Morgen bei den Ersten seien, die sich um eines der wenigen Tickets balgen. 

 

Wir sitzen nach wie vor ganz weit oben in den Bergen. Wären nicht diese schrecklichen Ereignisse und die Bilder, die wir gesehen haben, wäre nicht dieses zigfache Hochschrecken in der Nacht, diese Angst, es könnte von Neuem beben, dieses Gefühl, unter einem bewege sich die Erde, obwohl doch gar nichts los ist, wenn all das nicht wäre, man müsste fast sagen: herrlich. Doch es ist nicht herrlich. Weil diese Angst latent vorhanden ist. Weil man versucht ist, an diesen Zyklon zu glauben. Weil unendlich viele Menschen leiden. Weil wir Teil des Ganzen sind. Und weil wir noch immer nicht wirklich wissen, was wir machen sollen, was die beste Option von allen ist. Wir haben die Wahl. Somit sind wir frei. Doch was tun mit dieser Freiheit, die so kostbar und doch manchmal fast unbrauchbar ist?

 

Gibt es Zeichen? Vor jeder meiner Touren im Himalaja habe ich in Bodnath den Stupa besucht und eines der Klöster. Dort fand dann eine kleine Puja statt. Das ist eine sehr unaufdringlich, sehr bescheidene buddhistische Zeremonie, bei der ein Lama die Götter um Beistand, Unterstützung und auch den Segen bittet. Man mag dazu stehen wie man will, auf jeden Fall ist das sehr schön, ein Moment des Innehaltens, der Einkehr und auch der Besinnung, denn das alles ist schließlich nicht ganz ungefährlich. Der Himalaja ist ein großes, wuchtiges, in des Wortes Sinn ein überwältigendes Gebirge. Vielleicht deshalb gedeihen dort auch Glaube und das Vertrauen auf etwas Überirdisches besonders gut. Die allermeisten Menschen hier sind ihrem Glauben und ihrer Religion tief verbunden. In all den vielen Jahren hat mir stets ein Lama eine dünnes, farbiges Bändchen um den Hals geknüpft. Auch den Freunden und Bekannten, die mich begleiteten. Es möge schützen und bewahren. Doch es sei nicht das Jahr der Zerstörung hiess es stets, ich müsse keine Angst haben, es sei ein gutes Jahr für mein Vorhaben. Das waren Expeditionen  mit Hans Kammerlander oder viele unvergessliche Trekkingtouren. In diesem Jahr hat der Lama, den ich nun seit so vielen Jahren kenne, mich lange angeschaut und dann ganz leise gemurmelt, ich möge vorsichtig sein, auf all meinen Wegen. Mehr sagte er diesmal nicht. Es war anders als sonst. Es fällt mir erst jetzt auf. Auf seinem Stupa in Bodnath hängt die Spitze, vom Erdbeben erschüttert, schief. Und nicht weit von hier, hat sich die Erde mit einem deutlich sichtbaren, unnatürlichen Spalt geöffnet. 

 

Es hat geregnet vergangene Nacht. Dann schien die Sonne. Jetzt haben Wolken der Ama Dablam ein weisses Gewand umgelegt. Das verdammte Internet setzt schon wieder aus. Und die Zeit hält einfach nicht an.

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Eine Luftbrücke in das Basislager

69 Schwerverletzte vom Everest gebracht

Gerade zurück aus Pheriche. Es ist der Tag Eins nach dem verheerenden Erdbeben in Nepal. Es ist der Tag, an dem die Menschen vorsichtig beginnen, Bilanz zu ziehen. Sie zählen die Toten, helfen den Verletzten, betrachten wie entgeistert das, was bis gestern noch ihr Zuhause gewesen ist. 

Das Erfassen der Gesamtsituation ist längst noch nicht zu Ende. Und doch steht bereits jetzt fest, dass dieses Beben für immer mit der bislang größten Katastrophe am Mount Everest verbunden sein wird. 18 Tote wurden bis heute Vormittag geborgen.

Das Epizentrum des Bebens lag in der Ghurka-Region, nicht weit weg vom Manaslu. Damit war neben der Hauptstadt Kathmandu die Himalaja-Region am stärksten betroffen. Auch die Gegend am Mount Everest. Dort liegt das Basislager zum höchsten Berg der Welt. Dort warteten bis gestern rund 920 Bergsteiger, Sherpa und Helfer anderer nepalischer Ethnien auf die Chance den Mount Everest zu besteigen. Sie harrten dort in kleinen, gelben Zelten aus, die allenfalls einen schwach gefühlten Schutz boten. 

Dort im Basislager gibt es eine Katastrophe in der Katastrophe. Als um sieben Minuten vor Zwölf auch im Khumbutal so heftig die Erde bebte, dass wir sehen konnten, wie der Untergrund unter unseren Füßen sich in Wellen bewegte, löste sich an der Südostwand des Pumori eine Eislawine unvorstellbaren Ausmaßes. Augenzeugen berichten, dass die Eis- und Schneemassen mit rasender Geschwindigkeit auf die Zelte im Basislager des höchsten Berges der Erde zukamen. Es gab keine Chance zu entrinnen. Die Lawine verwüstete das Basislager in 5300 Meter Höhe. Die Zelte boten praktisch keinen Widerstand. Menschen wurden getötet, es gab viele Verletzte. Zwischen Lager I und Lager II im Western Cwm wurden Bergsteiger und Sherpa eingeschlossen, die sich im Auf- und Abstieg in der präparierten Route befanden. Sie harrten dort auch am Sonntag noch aus und niemand konnte ihnen vorerst helfen.

Am Sonntag Vormittag wurde, so wie der Nebel und die tief hängenden Wolken es zuließen, zwischen dem Everest-Basislager und Kathmandu eine Luftbrücke eingerichtet. Eines der beiden Logistik-Zentren lag in Pheriche, einem kleinen, 4240 Meter hoch gelegenen Nest am Fuß des Khumbu-Gletschers, das vor allem für seine sehr guten Unterkünfte bekannt ist. Und dafür, dass dort gute Landemöglichkeiten bestehen. Mit fünf Helikoptern wurden den ganzen Vormittag über insgesamt 47 zum Teil schwer verletzte Sherpa und westliche Bergsteiger im Basislager geborgen und nach Pheriche gebracht. Dort nahm ein eilends zusammengestelltes Ärzteteam - meist begleiteten sie selbst Expeditionsgruppen oder waren zum Trekking unterwegs - die Erstversorgung vor. Als es der Nebel dann endlich zuließ kam aus Kathmandu ein Großraum-Hubschrauber und brachte die Verletzten nach und nach in die Krankenhäuser der Hauptstadt. 

Noch im Laufe des Sonntag wurde damit begonnen, das Basislager zu evakuieren. Bereits vor Lobuche wurden die vielen Trekker auf ihrem Weg in Richtung Basislager gestoppt und zurück geschickt. Man brauchte dringend in den Lodges nun jedes Bett und jedes Lager für die Sherpa und Bergsteiger, die aus dem Basislager kommen werden. Niemand vermochte wirklich seriös zu sagen, wie diese Aktion vonstatten gehen soll und wie es tatsächlich unter dem Mount Everest aussieht. Eines jedoch steht fest: Ein Jahr nachdem bei einem Eislawinen-Unglück im Khumbu-Eisfall 16 Sherpa ums Leben gekommen sind, sorgte nun abermals eine Natur-Katastrophe für Trauer und Entsetzen unter dem Dach der Welt. 


Ein paar Sätze noch in eigener Sache: Heute morgen waren wir in Pheriche. Es liegt nur eine halbe Stunde von Dingboche entfernt. Ich wollte den Lodgebesitzer suchen, in dessen Haus ich so viele schöne Stunden verbracht habe. Ich habe ihn nicht gefunden. Wie auch, in solch einem Chaos. Wir haben die Luftbrücke der Hubschrauber beobachtet, über die die Verletzten aus dem Basislager gebracht wurden. Ich hatte dem Präsidenten der Khumbu-Bergrettung, einem Cafehaus-Besitzer aus Dingboche, Hilfe angeboten, wenn es vonnöten sein sollte. Doch da waren glücklicherweise schon so viele helfende Hände. 

Es war schwer zu ertragen und schwer anzusehen, was dieses Beben in Pheriche angerichtet hat. Kaum ein Haus, das noch bewohnbar ist. In den Trümmern gruben Menschen nach ihren verbliebenen Habseligkeiten. Wände eingestürzt, Dächer aus Wellblech zusammengeknickt wie Spielkarten, Einrichtungsgegebenstände nicht mehr an ihrem Platz, Menschen die verschreckt zwischen den Mauern umherirrten. Und über ihren Köpfen die Hubschrauber, die immer neue Verletzten brachten...

Hier in Dingboche wurde nur ein Haus beschädigt. Um sieben Minuten vor ein Uhr hat noch einmal sehr heftig die Erde gebebt. Wieder stürzten schreiend und entsetzt die Menschen aus ihren Häusern. Erneut wellte sich der Boden unter unseren Füßen, wieder wankten die Wände. Wieder passierte nicht sehr viel. Das grenzt fast an ein Wunder. Auch vor dem Hintergrund, dass anderswo, wie in Pheriche ganze Dörfer vollkommen zerstört worden sind. Es wird einem Trauerzug gleichen, wenn die Trekker aus aller Welt nun hinunter steigen werden in Richtung Namche Bazar und zum Flughafen nach Lukla. Überall werden sie in einem der ärmsten Länder und gleichzeitig einer der schönsten Gegenden unserer Erde Not und Elend begegnen. 

Wir hatten noch viel vor. Zwei bestiegenen Fünftausendern sollten zwei weitere folgen und drei hohe Pässe bis ins Gokyo-Tal und hinunter nach Thame ins Dorf jener Sherpa, die es zusammen genommen auf die meisten Everest-Besteigungen bringen. Wir haben das alles gecancelt. Aus Respekt vor den Menschen und natürlich auch, weil die Wege nicht sicher sind. Der Trail von Dingboche weiter hinunter ins Tal ist in Teilen weg gebrochen. Doch wo endet der Respekt? Wo wird der vermeintliche Respekt vor den Menschen, die man respektieren möchte, zur offenen Abwendung? Ich habe mit unserem Lodgebesitzer gesprochen. Er hat gesagt, wir sollen bleiben. Solange wir möchten. Wir sollten nicht gehen. Auch weil wir Bergsteiger, Gäste und Touristen doch ihre wichtigste Einnahmequelle seien. Woher solle das Geld kommen, um die Häuser wieder aufzubauen, wenn wir jetzt gingen. Das klingt einleuchtend und passt zu diesem so gastfreundlichen Land. Wir werden wohl noch abwarten. Bis morgen auf jeden Fall. Gut möglich das wir unseren Abstieg auch bewusst verzögern. Denn wir haben die Wahl. Wir sind frei. Andere sind das nicht. Andere müssen hinunter. Denen sollten wir nicht unbedingt im Wege sein. Das Chaos ist schon groß genug. Nach diesem verheerenden Erdbeben, das Nepal erschüttert hat.

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Erdbeben in Nepal: 7,8 auf der Skala

Wie groß ist das Ausmaß

Tja, was soll ich jetzt noch sagen.

Es ist diese Sache mit dem Schutzengel. Gunild hat eine starke Augenentzüdung und wir haben heute Morgen beschlossen, sie zum Arzt zu bringen. Der sitzt im Rahmen eines internationalen Himalaja-Hilfsprojektes in Pheriche. Das ist kaum drei Kilometer Luftlinie und etwa 45 Gehminuten von hier. Eigentlich wollten wir alle zusammen dorthin gehen. Ich habe einen guten Bekannten in Perhiche, den ich seit vielen Jahren kenne und in dessen Lodge wir meist wohnen. In diesem Jahr haben wir unseren Plan geändert und haben einen Teil des Akklimatisierungsprogrammes nach Dingboche verlegt.

 

Mein Plan war, wir bringen Gunild zum Arzt, lassen sie anschauen und gehen dann in der Himalaja-Lodge essen und spazieren zusammen zurück. Inzwischen snd Gunild, Rai und Ina längst wieder hier. Ich habe derweil meine Sachen geordnet und die nächsten Tage in dieser so zauberhaften Gegend vorbereitet.

 

Nun steht in Periche offenbar kaum mehr ein Haus. Die Himalayan-Lodge ist eingestürzt und wir hatten Glück, dass wir nicht um kurz vor zwölf, als hier die Erde mit einer Stärke von 7,8 auf der Richter-Skala bebte, in dieser Lodge beim Essen sassen. Von überall her in der Himalajaregion kommen nun immer neue Schreckensnachrichten. Wenn hier etwas funktioniert, dann ist es die Verbreitung von Nachrichten. Natürlich mag man nicht beurteilen ob und wie seriös all diese Meldungen sind.

 

Doch: Die Himalajan-Lodge machte stets einen soliden Eindruck, auch und gerade, was den Baustil betraf. Ich vermag mir nicht vorzustellen, was in anderen, ärmeren, weniger "modernen" Orten geschehen sein muss, wenn schon diese Lodge eingestützt ist. Eben diese Situationen betreffen die eingehenden Nachrichten... Ich denke, das Ausmass dessen, was hier geschehen ist, lässt sich zur Stunde wirklich nicht einmal erahnen, geschweige denn ermessen...

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